Nächte totenstill und totschwarz – McCarthy. Die Straße

mccarthy_die_strasseEigentlich wollte ich das traurige Jahr 2016 mit diesem düster-melancholischen Buch beenden. Wie passend, hatte ich mir gedacht. Ich begann mit dem Lesen. Düstere Endzeitstimmung! Mir fehlte dann doch die Kraft …
Heute ist der 22. Januar und das Buch liegt neben mir. Ja, ich habe es nun ausgelesen, wollte wissen, wie es endet. Diese Vater-Sohn-Geschichte hatte mich irgendwie vom ersten Satz an berührt und einfach nicht losgelassen. Wie sich beide durch dieses völlig zerstörte und in Asche gehüllte Amerika schleppen. Keine Sonne. Nur graue Tristesse. Die Nächte totenstill und totschwarz. So kalt. (S. 241).
Der Plan, nach Süden ans Meer zu gehen sowie die damit verbundene Hoffnung, geben Vater und Sohn Kraft. Ob das Meer blau sei, fragt der Junge. Der Vater weiß nur, dass es früher blau war. Früher, als es noch Möwen und Fische gab – 

Beide führen wundervoll weise Gespräche. Ein typischer Dialog entsteht, als es um das Sterben geht und der Junge zu seinen Vater sagt (S. 14):

Darf ich dich mal was fragen?
Ja. Natürlich.
Was würdest du machen, wenn ich sterben würde?
Wenn du sterben würdest, würde ich auch sterben wollen.
Damit du mir zusammen sein kannst?
Ja. Damit ich mit dir zusammen sein kann.
Okay.

Viele der Dialoge enden mit diesem leisen Okay des Jungen. Er weiß, mehr gibt es jetzt nicht zu sagen. Es ist, wie es ist. Still akzeptiert er das. Ein kleiner Junge mit dem Verstand eines Weisen, der bereits alles gesehen hat. Dessen Kindheit endet, noch bevor er ein Teenager ist. Und wenn der Vater stirbt? Auch dieser Frage müssen sich beide stellen. Der Vater zeigt seinem Sohn, wie er mit dem Revolver umzugehen hat.

Dieses Buch wirft so viele Fragen auf. Wieviel Mut und Kraft hätte ich, um nur einen einzigen der Tage zu überleben, den Vater und Sohn aushalten müssen? Wie stark wäre mein Überlebensdrang? Täglich auf die Suche gehen zu müssen. Nach Essen. Nach Trinkwasser. Nach Holz. Könnte ich ein Feuer anzünden? Eine Wunde versorgen? Und all dies, ohne Google zu befragen? Warum halten die wenigen Überlebenden – statt sich zu bekämpfen – nicht einfach zusammen? Ist der Mensch wirklich so egoistisch, so grausam? Die Geschichte hallt lange nach. Und einen Schimmer von Hoffnung und Zuversicht gibt es dann eben doch. Nicht nur dank der grandiosen Dialoge. Es sind auch Bilder, wie dieses: … die Nächte waren länger, dunkler und kälter als alles, was sie bisher erlebt hatten. Eine Kälte, die Steine zerspringen ließ. In der Schwärze drückte er den Jungen an sich und zählte jeden zarten Atemzug (S. 17).

Und zählte jeden zarten Atemzug … lediglich fünf Worte, in denen jedoch die gesamte Liebe und der ganze Schmerz eines Vaters Ausdruck finden. Worte, die mich emotional zutiefst erschüttern. Der Vater ist es auch, der in jedem noch so kleinen Moment das Glück erkennt, und sei das in einer Dose Erbsen, gefunden in einem verlassenen Haus. Und der damit seinem Jungen Mut macht, ihn ermuntert, immer weiter zu gehen, auch wenn es irgendwann ohne ihn sein sollte.Wir haben immer Glück gehabt. Du wirst wieder Glück haben. Du wirst sehen. Geh nur. Das ist schon in Ordnung (S. 245).

Uwe vom Blog Kaffeehaussitzer.de hat sich im November 2016 neun Fragen zum Thema Bücher gestellt. Es verwundert nicht, dass McCarthys Roman dabei ist – als das Buch, das ihm am wichtigsten ist. Schließlich hatte er es mir in einem Gespräch mal sehr ans Herz gelegt. Verbunden mit dem Satz: Was, du kennst Die Strasse nicht? Auch er musste die Lektüre immer mal unterbrechen, schreibt aber, dass ihm das Buch als grandiose Literatur unverrückbar im Gedächtnis bleibt und zeigt, was im Leben bleibt, wenn alles andere weggebrochen ist. 

Cormac McCarthy. Die Strasse. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. Rowohlt Taschenbuchverlag. 254 Seiten. 10,99 €

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12 Antworten zu “Nächte totenstill und totschwarz – McCarthy. Die Straße

  1. Immer wieder spannend, wie unterschiedlich einen Bücher bewegen. Ich bin in der Minderheit, ist mir schon klar, aber ich kam nicht so gut mit dem Vater-Sohn-Gespann klar und insbesondere die Dialoge nervten mich. Aber hurra der Vielfalt und der unterschiedlichen Meinungen 🙂
    https://bingereader.org/2016/03/11/connection-with-reader-could-not-be-established/

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    • Allerdings! Und es ist auch nicht das erste Mal bei uns beiden, dass wir so verschieden denken, oder? Aber nun habe ich deinen schönen Beitrag gelesen und mich köstlich amüsiert, dass du einen meiner Lieblingsdialoge zitiert hast. Herrlich! Ja, es lebe die Vielfalt.
      Bei Rahel Kushner hoffte ich übrigens auch, die neue „great american novel“ zu entdecken. Ich glaube, ich habe dem Roman lediglich 50 Seiten gegeben und ihn dann entnervt weggelegt.

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  2. Liebe Masuko,
    schön, dass Du Dein Augenmerk auf dieses außergewöhnliche Buch richtest. Ich habe es vor einigen Jahren gelesen und war tief beeindruckt. Allerdings finde ich es auch ziemlich düster und verstörend. Nach dem Lesen Deines Beitrages habe ich es wieder zur Hand genommen und bin gleich darin versunken. Ich denke, ich werde es jetzt nochmals durchlesen. Irgendwie passt es ja auch gut in diese Jahreszeit.
    Hab noch einen schönen Sonntag.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    • Liebe Lesesilly, wie verrückt ist das denn! Du liest es gleich nochmal? Also, ob ich das auch irgendwann schaffe? Es gab da so ein paar Momente in der Story, die ich echt hart fand … Das nächste Buch ist jetzt wieder ein bisschen positiver.
      Allerliebste Grüße aus meinem Bücherzimmer, masuko

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  3. Liebe Jacqueline, ich habe das Buch nicht gelesen, aber den Film von 2009 gesehen mit Viggo Mortensen und Music von Warren Ellis and Nick Cave. Sehr bewegend.

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    • Liebe Christine,
      what???
      Viggo Mortensen spielt mit? Musik Nick Cave? Ich schau gleich mal den Trailer. Dann werde ich wohl bald auch den Film ansehen. 1000 Dank für diesen Tipp!
      Liebe Grüße, Jacqueline

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  4. Liebe Masuko, wie spannend, ich habe den Film zum Buch erst vor einigen Wochen gesehen. Ganz unbedarft habe ich ihn u. a. wegen des bekannten Hauptdarstellers ausgewählt und war mir dann nach der ersten halben Stunde schon sicher: Da gibt es kein Happy End. Ich bin hin und her gerissen; die Geschichte war großartig, aber die Dialoge waren dermaßen depressiv, dass ich einmal sogar unpassenderweise laut auflachen musste, weil ich alles so überzeichnet fand. Sprach man neben Tod, Sterben und Essen über sonst noch etwas? Auf jeden Fall ist mir die Geschichte nachhaltig im Gedächtnis geblieben und das Buch nehme ich auch zur Hand, wenn es mir über den Weg läuft. Bei strahlendem Sonnenschein am besten. Fröhliche Grüße! Jana

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    • Liebe Jana,
      ich habe mir gerade den Trailer angeschaut. Schon mal wegen Viggo Mortensen, den ich wirklich sehr mag.
      Hm, die Dialoge sind natürlich düster und depressiv … doch von den Gesprächen lebt ja die Geschichte! Im Buch las sich das durchaus gut für mich. Ob es dann im Film auch gut rüberkommt? Na, ich werde sehen. Es ging übrigens auch mal ums Meer 🙂
      Liebe Grüße, masuko

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  5. Was ist denn jetzt Deine positive Lektüre?

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  6. Ich traue mich nicht ganz heran, ich befürchte, dass das eine der Geschichten ist, die sich eingräbt und die Leserin nie wieder loslässt… Bin mir noch nicht sicher, ob ich das zu mir hinzufügen soll 🙂
    Auf jeden Fall macht Deine schöne Besprechung Mut, es zu versuchen, vielen Dank und viele Grüße!

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    • Ich habe auch viele Jahre (!) gebraucht, um den Mut für dieses Buch zu finden. Ist auch wirklich keine leichte Lektüre, welche man danach schnell vergisst. Lass dir Zeit. Vielleicht macht es auch bei dir irgendwann Klick … Schöne Grüße!

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