Klassiker lesen im Advent

In zwei Wochen ist erster Advent. Die Adventszeit gehört für mich als Buchhändlerin zu den aufregendsten Wochen des Jahres. Der Kopf brummt und das Herz schlägt einen schnelleren Takt als gewöhnlich. Es ist, als befände ich mich jeden Tag in einer Art Kampfzone, welche ich super erschöpft, aber überglücklich nach vielen Stunden verlasse. Schnell nach Hause, ein bißchen entspannen und auftanken für den nächsten Tag.
Klar, dies ist mein ganz persönlicher Ausnahmezustand. Jeder erlebt diese Zeit anders. Die Adventszeit könnte ja auch eine Zeit sein, um ausschließlich Klassiker zu lesen. Was für eine zauberhafte Vorstellung! Sofort spüre ich Kerzenduft und leise Musik. Ich sehe einen kuscheligen Lesesessel und Tee und Marzipan und Pfefferkuchen und einen dicken Klassiker … Und was würde ich lesen?
Ich habe mir einfach mal Gedanken gemacht, welches meine Lieblingsklassiker sind. Ein paar moderne Klassiker sind dabei und es sind längst nicht alle. Hier meine fünf Favoriten:

Fjodor Dostojewskij. Der Spieler. Roulettenburg
Dostojewskij hat diesen Roman um seinen spielsüchtigen Helden Aleksej Iwanowitsch in nur 26 Tagen geschrieben. Eine rasant erzählte Geschichte mit authentischem Hintergrund. Denn Dostojweskij brauchte nicht nur dringend Geld, er war zu dieser Zeit außerdem selbst verstrickt in eine unglückliche Affäre. Verrückt und schön!  Besonders lohnt sich hier die Neuübersetzung. dtv. Neuübersetzung Alexander Nitzberg. 22,- € / Fischer Verlag. Aus dem Russischen Swetlana Geier. 9,99 €

Stefan Zweig. Sternstunden der Menschheit
Dieses Buch beginnt mit den Worten: Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem ersten Weltkriege, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich, am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit. Doch die Sonne über Europa ist bereits verdunkelt … Ein sehr persönliches und hochaktuelles Buch von Stefan Zweig, dessen Romane und Erzählungen ich alle sehr gern gelesen habe. Fischer Verlag. 11,95 €

Erich Maria Remarque. Zeit zu leben und Zeit zu sterben
Remarque ist für mich der Dichter großer Gefühle und unvergesslicher Figuren. Sehr präsent in meiner Erinnerung ist immer noch die Geschichte des jungen Soldaten Ernst Graeber, der während der paar Wochen Fronturlaub die große Liebe findet. Es sind die letzten sinnlosen Tage des Zweiten Weltkrieges und irgendwann muss Graeber zurück an die Front … Kiepenheuer & Witsch. 9,99 €

Steinbeck. Früchte des Zorns
Die rissige Erde in Oklahoma bietet den verarmten Landarbeitern längst keine sichere Ernte mehr und als diese von Kalifornien hören, wo alles besser sein soll, machen sie sich auf den langen Weg. Nicht ahnend, dass sie auch hier nur Armut und Elend erwartet. Ein tragisch-schöner und sehr menschlicher Roman aus dem Jahre 1939, für welchen Steinbeck 1940 den Pulitzer Preis erhalten hat.  dtv. Aus dem Amerikanischen von Klaus Lambrecht 12,90 €

Harper Lee. Wer die Nachtigall stört
Ein wundervoller Roman über das achtjährige Mädchen Scout und ihren 13-jährigen Bruder Jem Finch. Liebevoll erzogen von ihrem Vater Atticus, einem menschenfreundlichen Anwalt, erleben beide eine behütete Kindheit in Alabama. Doch noch immer ist die Trennung zwischen Schwarz und Weiß spürbar und sehr tief. Das muss Scout, die Ich-Erzählerin schmerzhaft erfahren, als Atticus die Verteidigung eines zu Unrecht verurteilten schwarzen Landarbeiters übernimmt. Eine mutige und zeitlos erzählte Geschichte von beeindruckender Aktualität.
Rowohlt Verlag. Aus dem Amerikanischen Claire Malignon. 9,99 €

Irgendwann werde auch ich mal einen richtig dicken Klassiker in dieser schönsten Zeit des Jahres lesen. Allgemein komme ich in diesen Wochen einfach nicht dazu, höre aber gern Hörbücher. Und traditionell jedes Jahr Erika und Auggie Wren – beide auch bereits eine Art von Klassiker – mit den Originalstimmen von Elke Heidenreich und Paul Auster (freue mich jetzt schon). Euch allen eine wunderschöne Lese- und Adventzeit.

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9 Antworten zu “Klassiker lesen im Advent

  1. Liebe Masuko,
    das finde ich ja toll, dass Du aus meiner Frage einen Blogbeitrag gemacht hast. Von den genannten Klassikern habe ich bisher nur Harper Lee gelesen. Alles andere klingt aber auch sehr interessant. Am meisten spricht mich der Steinbeck an.
    Mit all diesen wundervollen Büchern kann der Advent und die Kälte jetzt ruhig kommen. Uns kann schließlich nichts passieren. Wir kuscheln in unseren Decken bei Kaminfeuer und Kerzen und genießen das Abtauchen in andere Welten.
    In diesem Sinne wünsche ich Dir einen wunderschönen Sonntag.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    • Liebe lesesilly,
      irgendwie hat deine Frage den Wunsch in mir geweckt, nicht nur knapp in einem Kommentar, sondern ausführlicher darauf zu antworten. Ganz schnell war dann die Idee entstanden, darüber zu schreiben. Hat mir auch viel Spaß gemacht! Liebe Grüße

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  2. „Wer die Nachtigall stört“ stand im Bücherregal meiner Eltern. Irgendwann in den siebziger Jahren sah ich bei meiner Oma in den Ferien die grandiose Verfilmung mit Gregory Peck, dieser Film hat mich höchst beeindruckt. Nach den Ferien dann habe ich das Buch gelesen, aber damals war das zu früh für mich-ich habe es Jahre später erneut gelesen und bin froh darüber, froh, solch eine Geschichte zu lesen über das Leben in den Südstaaten der USA. im letzten Jahr dann kam das zweite Buch von Harper Lee in den Handel-„Gehe hin, stelle einen Wächter“, und auch dieses Buch hat mich sehr beeindruckt. Ich werde wohl beide Bücher in den nächsten Tagen noch einmal lesen. (Vorher aber noch die Empfehlung aus diesem Blog, das Buch von Deborah Feldman)

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    • Ja, in den Regalen meiner Eltern finde ich auch oft das eine oder andere gute Buch, welches ich schon immer mal lesen wollte …
      Es ist gut, dass du das ansprichst, ein Buch zu früh gelesen zu haben. Der richtige Zeitpunkt kann oft ganz entscheidend dazu beitragen, dass ein Buch gefällt oder nicht. Mir ging das damals so mit Salingers „Fänger im Roggen“. Mit 18 Jahren habe ich das Buch überhaupt nicht gemocht. Mit 35 Jahren aber habe ich es verschlungen und mich total verstanden gefühlt! Und du hast Deborah Feldmans „Unorthodox“ noch vor dir?! Ich hoffe, es beeindruckt dich so, wie es mich beeindruckt hat. Eine gute Zeit damit, Jacqueline

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  3. Beim ersten Versuch habe ich das Buch eher als Abenteuer-oder Kriminalroman gelesen, ich habe die Furcht der Kinder vor dem mysteriösen Boo Radley gespürt, ich habe den Kriminalfall verfolgt, und mit dem Angeklagten mitgelitten, den Atticus Finch so gut verteidigt, und für solch einen Ansatz war das Buch wahrlich ungeeignet. Erst später habe ich dann begriffen, daß das Buch eine Geschichte des Lebens in den Südstaaten ist, daß Harper Lee dort ein Sittengemälde der damaligen Zeit geschaffen hat. Es geht ja nur nebenbei um den Prozeß, es ist viel mehr als nur das. Das hat mich an dem Buch fasziniert, und das fasziniert mich auch immer wieder an dem Film, der für mich recht werkgetreu ist–so, wie ich es bei verfilmten Büchern bevorzuge. Interessant ist auch immer wieder, daß ich, wenn ich den Film gesehen habe, bevor ich das Buch gelesen habe, beim Lesen die Filmbilder vor dem inneren Auge auftauchen, und wenn es umgekehrt ist, die Vorstellungen meist gänzlich anders sind als das, was der Filmemacher dann zeigt.

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    • Klingt interessant, ich glaube, das geht mir auch oft so. Ganz selten passiert es allerdings, dass ich eine Romanverfilmung gucke und die Bilder aus dem Buch bestätigt finde. Das ging mir zuletzt mit „Carol“ so. Auch „tschick“ war sehr authentisch.

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  4. Liebe Masuko, neulich sah ich Dich und erst jetzt lese ich Deinen schönen Blogbeitrag. Erika…habe ich leider noch nicht gelesen. Aber ich werde es nun tun. Ich wünsche Dir in der auch vollem Weihnachtszeit sehr nette Kunden und wenig Stress.

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