Leben, lachen, lesen

So schöne neue Bücher und so spannende literarische Highlights in den vergangenen Wochen! Mein Kopf ist voller Gedanken. Warum erzähle ich dann nicht einfach davon? Warum ist es seit fast sechs Wochen hier so still …

Am 25. September bin ich ins Flugzeug nach Miami gestiegen und seitdem ist alles irgendwie anders. Die Prioritäten haben sich verschoben. War es die Sonne, das intensive Licht? Die Karibik? Ja, Florida ist voller Farben und intensiver Düfte. Das exotischste Essen meines Urlaubs war japanisches Sushi geschmückt mit den scharfen Gewürzen und knalligen Farben Perus. Das Lebensgefühl ist ein komplett anderes –

miami-fruhstuck-in-wynwoodJeder Tag beginnt mit einem starkem Kaffee und Frühstück im Garten bei fast 30 Grad. Immer an meiner Seite ist Stella, die Hündin unserer Vermieterin. Auch meinen eReader habe ich immer in der Nähe, obwohl ich ihn selten benutze. Ein bisschen Murakami. Ein bisschen Melle. Außerdem ein Jugendbuch von Julya Rabinowich aus dem Hanser Verlag. Dazwischen: ICH ist die Geschichte des Mädchens Madina, welches in Deutschland Asyl sucht. Die Story passt ganz gut, weil in Miami unglaublich viele Kubaner und Venezolaner im Exil leben. Es wird mehr Spanisch als Englisch gesprochen.

Gleich nach dem Frühstück geht es im Auto immer irgendwohin. Fahrradfahrer und Fußgänger gibt es hier kaum. Ein Klischee, habe ich immer gedacht, doch sind viele Strassen wirklich fast menschenleer. Nicht jedoch in Little Havana! Aus jeder Bar klingen kubanische Lieder, Männer sitzen vor kleinen Läden und rauchen dicke Zigarren. Man flaniert und lacht oder diskutiert lebhaft. Ich fühle mich wie im Buena Vista Social Club.

gainza_art_galeryIn einer kleinen Galerie plaudern wir mit dem Inhaber Augustin Gainza. Exilkubaner seit den 70er Jahren. Ich frage ihn nach dem Autor Leonardo Padura. Unsicherer Blick. Okay. Ich nenne den Namen des Ermittlers aus seinem berühmten Havanna-Quartett. Mario Conde? Ah!! Das nun reißt alle Schranken nieder. Leonardo Padura! Ja, auch er liebe seine Bücher! Der Trotzki-Roman! Wir lachen beide. Verbunden im Geiste. Ich trinke einen perfekten kubanischen Espresso. Senior Gainza verabschiedet sich mit einem Handkuss von mir und ich schwebe hinaus in die sonnige Hitze.

bookstore_in_the_groveAm nächsten Tag zieht es uns nach Coconut Grove, befindet sich doch hier The Bookstore in the Grove. Auf dem Bestsellertisch liegen direkt nebeneinander die neuen Romane von Jonathan Safran Foer und Ian McEwan sowie Robert Seethalers A whole life (Original: Ein ganzes Leben). Bin berührt. Im Peacock Garden Café sitzen wir schließlich im Schatten, erfrischen uns mit Espresso und extrem leckerem Ginger Beer (alkoholfrei!). Das dazugehörige Hotel wurde vor mehr als 100 Jahren erbaut und boomt mich mit seinen Originalmöbeln und den vielen Schwarz-Fotos an den Wänden gedanklich direkt ins letzte Jahrhundert, als die ersten mutigen Siedler hier die Sümpfe frei legten –

In Key West lebte Ernest Hemingway, also müssen wir da auch hin! Drei Stunden Autofahrt über schmale Inselstreifen, links und rechts gesäumt von der Karibik und verbunden durch kilometerlange Brücken  – The Florida Keys. Wir finden schließlich das Haus von Hemingway. Viele Touristen stehen Schlange. Ach, die Strände sind doch hier so unglaublich schön … so verzichten wir auf einen Besuch.

Abends dann oft nach Wynwood Walls mit seiner riesigen Art Gallery. Stundenlang kann man durch das ehemalige Industriegebiet schlendern und sich im Betrachten großartiger Street Art verlieren. Hier tobt das Leben, locken Bars und Clubs mit wütenden, urbanen Rhythmen aus Hiphop und RnB.
Und so war jeder dieser 10 Tage für sich gesehen „ein schönster Tag“. Ich habe mich gefühlt wie ein Kind, das mit staunendem Blick die Welt entdeckt – jeden Moment neu.

Dann die Buchmesse in Frankfurt am Main. Viele liebe Menschen aus der Bücherwelt getroffen. Blogger, Verlagsleute, Buchhändler. Ein Highlight war ganz sicher die Party 60 Jahre DuMont Verlag. Tanzen. Reden. Lachen. Mareikes Bericht auf dem Blog Bücherwurmloch spiegelt am besten all die Turbulenzen und Aufregungen in Frankfurt wieder. Doch lohnt all dies wirklich? Ilja vom Blog Muromez möchte lieber wieder bloggender Leser als lesender Blogger sein und spricht mir mit seinem nachdenklichen Fazit zutiefst aus der Seele.
Ein schöner Zufall ist, dass mir genau heute eine Freundin diese wunderbaren Zeilen schreibt: Und die Zeit für den Blog kommt auch wieder! Sein Sinn soll ja nicht darin bestehen, keine Zeit mehr fürs echte Leben zu haben, sondern genau darin, dieses echte Leben zu bereichern.

Fühle mich bestätigt in meinem momentanen Wunsch, zu leben, zu lachen, zu lesen und irgendwann … auch wieder zu bloggen. Wenn also abends die Augen zu müde für ein Buch sind und im Kopf noch zu viel Action tobt, dann werde ich mich beispielsweise immer wieder gern auf die Couch legen, den Blog ruhen lassen und eine DVD schauen. So war es eine super Entscheidung, vor ein paar Tagen endlich I’m not there zu schauen, den Film über Bob Dylan mit einer unvergesslichen Cate Blanchett in einer der Hauptrollen. Ein Journalist fordert ihn auf: Mister Dylan, bitte ein Wort für die Fans! Seine Antwort ist ein einziges und völlig ohne Zusammenhang dahin gesagtes Wort: Astronaut! Langsam ahne ich, warum Bob Dylan sich mehr als zwei Wochen lang nicht zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2016 geäußert hat. Er ist ein Outlaw, Preise bedeuten ihm möglicherweise nicht viel.

Ein paar letzte Worte zu Haruki Murakami. Auch ihm sind große Literaturpreise ziemlich egal. Den in Japan hoch angesehenen Akutagawa-Preis hat er nie erhalten. In seinem vor wenigen Tagen im DuMont Verlag erschienen Buch Von Beruf Schriftsteller sagt er: Hat es mir geschadet, den Akutagawa-Preis nicht zu bekommen? Ich habe ein wenig über diese Frage nachgedacht, aber mir ist nichts dazu eingefallen. Hatte es einen Nutzen? Nein, einen besonderen Nutzen hatte es wohl auch nicht … Jetzt, da ich diesen Titel jedoch nicht führe, fühle ich mich leicht und unbeschwert (S. 53).

Bitte, lest dieses Buch. Ein Genuß! Und nicht nur für Murakami-Fans. Es ist die perfekte Lektüre für jeden, der selbst auch schreibt – egal ob Lyrik, Romane oder Rezensionen. Und vergesst nie das gute Gefühl, welches einem das Schreiben immer schenken sollte. Das Schlusswort gehört deshalb erneut Mister Murakami:

An dem Wohlgefühl und dem Vergnügen, das ich empfand, als ich meinen ersten Roman schrieb, hat sich im Grunde nichts geändert. Ich stehe jeden Morgen früh auf, mache mir in der Küche Kaffee … und fahre den Computer hoch … Dann überlege ich, was ich schreiben möchte. In dieser Zeit bin ich wirklich glücklich (S. 41).

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9 Antworten zu “Leben, lachen, lesen

  1. Was für ein schöner Bericht! Danke!

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  2. Liebe Masuko,

    es war gerade so schön dies zu lesen. Ich habe gerade Fernweh. Deinen Beitrag lesen war auch, wie ein schöner Kurzurlaub. Gerade so passend. Herzlich Danke. Ich liebe es, wie Du schreibst.

    Murakamis neues Buch ist so grandios. Ständig habe ich bestimmte Zeilen zart mit Bleistift markiert oder Zettel hinein getan. Für die Rezension muss alles noch sacken und ja nicht immer ist die Zeit dafür da, aber dennoch-Das Schreiben bleibt immer.

    Starte gut in die neue Woche.

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  3. Wunderschöner Text! Und sehr inspirierend in vieler Hinsicht. Reisen, Bücher, Schreiben, Leben, Film, Bob Dylan. So viel drin! Danke dafür!

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  4. Liebe Masuko,
    Du schreibst so voller Begeisterung über Florida, dass ich Dir sofort nachreisen und auch ganz viel mitkriegen möchte von dem karibischen, sonnigen und bunten Lebensgefühl. Das fehlt ja wirklich. – Und was den Blog betrifft: Wir betreiben ihn doch als Hobby, als Bereicherung, aus Freude und mit Spaß – nicht als Verpflichtung, denn dann wäre es ja eine weitere Arbeit. Also sollten wir ganz entspannt bleiben (bin ich aber auch oft nicht :-)).
    Viele Grüße, Claudia

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    • Liebe Claudia,
      genau – das sagt sich immer so leicht mit dem entspannten Herangehen. Ich werde deine Worte verinnerlichen!
      Und was Florida angeht … da muss ich unbedingt wieder hin. Ich empfehle es sehr.
      Ja, und dann schien doch hier in Berlin nach drei Wochen Tristesse die Sonne – war DAS schön!
      Schöne Grüße, masuko

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  5. Liebe Masuko,
    auch ich finde Deinen Text ganz wundervoll. Du beschreibst alles so anschaulich, dass man gedanklich mit Dir reisen kann.
    Und mit Deinem Blog solltest Du Dir keinen Stress machen. Auch wenn es nicht so viele Beiträge sind, sind diese dann dafür qualitativ sehr wertvoll, was viel wichtiger ist.
    Also mach bitte weiter so und schenke uns noch viele schöne Texte!
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    • Liebe lesesilly,
      ich mach weiter, versprochen! Vielleicht werden es tatsächlich ein paar weniger Beiträge, aber zurückziehen werde ich mich sicher nicht. Die Gedanken lassen sich ja sowieso nicht beruhigen. Und was ich zu Murakami, McEwan, etc. sagen möchte, dass kann wahrscheinlich sowieso nicht mehr lange warten!
      Liebe Grüße, masuko

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