Wolfgang Herrndorf. tschick

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© Martin Mascheski/Edition Büchergilde

Bereits zweimal habe ich tschick gelesen und  bekomme gerade allergrößte Lust, erneut in die Story einzutauchen. Um Zeile für Zeile gemeinsam mit Maik Klingenberg und seinem Freund Tschick im Lada Niva (made in Russia) quer durchs Land zu düsen. Grund ist die illustrierte Ausgabe der Edition Büchergilde. Es ist einfach so, dass Lesen für mich auch ein Genuss fürs Auge ist. Noch ehe ich das Buch überhaupt aufschlage, fasziniert mich der Farbschnitt in Blau, Rot und Gelb. Auch finde ich das elastische Band sehr cool und fühle mich sofort erinnert an mein kleines Moleskine Notebook. Ich öffne das Buch. Fadenheftung. Lesebändchen inclusive. Mit seinem angenehmen Format von 12 x 19 cm liegt das Buch perfekt in meiner Hand. Berauscht, verzaubert und fasziniert blättere ich darin. Lese, schaue, staune.
Den großartigen Dialogen von Tschick und Maik hat nämlich Laura Olschok 22 faszinierende Illustrationen hinzugefügt. Herrndorfs Erzählton könnte keine bessere Ergänzung finden. Eine selten schöne Verbindung von Sprache und Bild.

Und hier einer meiner Lieblingsdialoge. Tschick erklärt den Kreiselkompass und seine Wirkungsweise (S. 117):

‚Das weiß ich aus einem Buch, wo die auf dem Schiff kentern, und dann bricht ein Matrose den Kompass auf, weil er Alkoholiker ist, woraufhin sie komplett die Orientierung verlieren.‘
‚Hört sich nicht gerade wie ein Fachbuch an.‘
‚Stimmt aber. Das Buch heißt, glaube ich, Der Seebär. Oder Der Seewolf.‘
‚Du meinst Steppenwolf. Da geht es auch um Drogen. So was liest mein Bruder.‘
‚Steppenwolf ist zufällig eine Band‘, sagte ich.

‚Also, ich würde sagen, wenn wir nicht genau wissen, wo Süden ist, fahren wir einfach Sandpiste‘, sagte Tschick … Es war eine gute Entscheidung. Eine Stunde lang begegnete uns kein Auto mehr. Wir waren jetzt irgendwo, wo es nicht mal mehr Häuser am Horizont gab. Auf einem Feld lagen Kürbisse, so groß wie Medizinbälle.

Und dabei konnte Maik Tschick anfangs gar nicht leiden. Tschick war ein Assi. Und genau so sah er auch aus (S. 46). Sein richtiger Name war Andrej Tschischaroff, nur das den keiner aussprechen konnte. Andrej kam irgendwo aus Russland oder dem tiefsten Sibirien … doch wen interessierte das schon! Tschick bleibt (auch wegen seiner asiatischen Gesichtszüge) ein Außenseiter in diesem kleinen Ort. Irgendwo im Osten Deutschlands. Und da Maik, Ich-Erzähler der Story, schon lange ein solcher ist (seine Klassenkameraden nannten ihn einige Zeit lang Psycho), passen beide perfekt zusammen. Und hauen gemeinsam ab.

Im Verlauf der Story begegnet ihnen dann dieses verdreckte Mädchen, das schnell wie ein Tier klettert, barfuß und die Beine schwarz bis zum Knie. Hochgekrempelte Army-Hose. Versifftes T-Shirt. Isa Schmidt! Mir bestens bekannt aus Wolfgang Herrndorfs Fragment BILDER deiner großen LIEBE – unvollendet und dennoch absolut lesenswert. In tschick nur kurz erwähnt, bekommt das liebenswert verrückte Mädchen Isa in Herrndorfs letzter Geschichte vor seinem Tod 2013 eine Hauptrolle.

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© Martin Mascheski/Edition Büchergilde

Wir fuhren bis zur Dämmerung auf der Autobahn und bogen dann wieder aufs Land ein, irgendwo in der tiefsten Provinz. Ich rollte, ohne zu schalten, im dritten Gang durch die Felder … Der letzte Lichtschein verschwand vom Horizont … (S. 234)

Tschick und Maik düsen für mich irgendwie ewig und unvergessen auf diesen einsamen Landstraßen dahin … Wer tschick noch nicht kennt, sollte sich unbedingt dieses Buch gönnen. Verschenkt es. Empfehlt es Freunden. Und wer es kennt und gern wieder lesen möchte, dem empfehle ich ebenfalls diese Editon – auch wenn es tschick lange schon in einer preiswerten Taschenbuch-Ausgabe bei Rowohlt gibt.

Wolfgang Herrndorf. tschick. Illustrationen von Laura Olschok. Edition Büchergilde. 2016. 288 Seiten. 24,95 € / Rowohlt Taschenbuch. 2012. 254 Seiten / 8,99 €

 

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11 Antworten zu “Wolfgang Herrndorf. tschick

  1. Wundervolle Ausgabe, demnächst auch bei Sounds & Books…

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  2. Auch ich bin sehr angetan von diesem Band, einem Kunstwerk. Nach der Berliner Bloggertour denke ich oft über den Gedanken nach, warum Bücher für Erwachsene nur kaum illustriert sind und wenn dann nur in meist gesonderten Editionen. Gerade lese ich ein Kinderbuch und bin hin und weg. Viele Grüße

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  3. Jetzt schon ein moderner Klassiker! Die Ausgabe sieht wunderschön aus. Beim Film habe ich etwas Angst, dass mir die Ästhetik nicht gefallen wird, aber Fatih wird schon keinen Mist gebaut haben.

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    • Ja, ein Buch, das Jahrzehnte überleben und dann immer noch gelesen werden wird. Ein zeitloser Roman irgendwie.
      Der Trailer zu Fatih Akins Verfilmung wirkt auf mich erst mal gut. Aber ein bißchen vorsichtig bin ich auch! Man hat ja seinen eigenen Film im Kopf.
      Schöne Grüße und alles Gute für dich 😉

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  4. Oh wie schön! Ich hatte mir auch schon überlegt, diese Ausgabe der Büchergilde zu beziehen und Tschick nochmals zu lesen, da es mir beim ersten Mal wirklich gut gefallen hat.
    Habe mich dann letztendlich für Guy de Maupassant’s „Stark wie der Tod“ entschieden. Auch eine wunderschöne Ausgabe der Büchergilde mit Illustrationen.
    Aber durch Deine anregende Besprechung, überlege ich mir jetzt doch „Tschick“ zu bestellen. Schließlich sind Bücher ja auch Schmuckstücke und dieses sieht wirklich toll aus.
    Ich wünsche Dir eine angenehme Arbeitswoche.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    • Ja, wirklich. Umwerfend schön 🙂
      Wenn du besondere Bücher magst, wirst du nicht enttäuscht sein. Und irgendwann liest man „tschick“ ja sowieso nochmal … Auch den „Fänger im Roggen“ will ich bald ein drittes Mal lesen. Und freue mich diebisch, dass ich noch die gute alte Übersetzung von Heinrich Böll besitze. Ach, ich könnte da so einige Bücher aufzählen. Du sicher auch! Liebe Grüße, masuko

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  5. Die Büchergilden-Ausgabe möchte ich auch unbedingt noch haben. So so schön und dann lese ich es auch noch mal. Bin noch nicht sicher, ob ich mir den Film anschauen mag …

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    • Geht mir ähnlich mit dem Film. Erstmal abwarten … das Buch lese ich aber ganz bestimmt auch wieder. Und obwohl ich Illustrationen in Romanen nie vermisse, bei „tschick“ passt es einfach perfekt. Schöne Grüße

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  6. Ich fand die Geschichte damals sehr anregend. https://allesmitlinks.wordpress.com/2013/03/10/tschick/

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