Michael Frayn. Das Spionagespiel

Italien. Nordalpen. Panik befällt mich: acht Tage Urlaub und bei Ankunft Regen. Dicke weiße Wolken ruhen wie hingepinselt auf grünen Hängen. Keine Sonne. Und … mein Reader, mit diversen eBooks frisch befüllt, ist knockout! Im Gepäck nur noch zwei schmale Taschenbücher. Hektisch rechne ich: vier verdammt lange Tage muss jedes Buch reichen. Typisches Verhalten eines Großstadtneurotikers und Büchermenschen.

Was ich nicht geahnt hatte, dass die Natur mit ihrer betörenden Schönheit mich komplett vereinnahmen würde. Auf meinen langen Spaziergängen werde ich dann auch endlich den Gemeinen Liguster finden. Ich suche nach ihm seit mehr als 10 Jahren – seit Spionagespiel erstmals auf Deutsch erschienen ist. Manche Bücher lese ich gern mehrmals und dieses gehört unbedingt dazu! Denke ich an diese Geschichte, dann erinnere ich mich sofort an den Duft des Ligusters, an die zwei Jungs und ihr grausames Spiel … 

Auch der alte Stephen kommt in einer kleinen – jedoch englischen – Stadt an: Die dritte Juniwoche, und da ist er wieder, dieser fast peinlich vertraute süßliche Hauch, der sich alljährlich um diese Zeit bemerkbar macht. Ich registriere ihn in der warmen Abendluft … und für einen Moment bin ich wieder ein Kind und alles liegt vor mir … und dann weiß ich, dass es meine Kindheit ist, nach der ich mich zurücksehne. Das Haus, nachdem ich Heimweh habe, existiert ja vielleicht noch. Jeden Sommer, Ende Juni, wenn dieser süße Duft kommt, stelle ich fest, dass es billige Flüge in dieses ferne, nahe Land gibt (S. 5).

In verzögerten Sequenzen wird er wieder der kleine Junge, der er in den 40er Jahren gewesen ist. Der intensive Duft zieht ihn tiefer und tiefer hinein in seine Erinnerung. Immer häufiger wechselt die Perspektive von der dritten Person zum Ich-Erzähler: Stephen versteckte sich oft in diesen unauffälligen blaßgrünen Büschen, die einmal eine Hecke gewesen waren, nahm sie aber kaum wahr. Jedenfalls erst später, kurz vor dem Ende jenes Juni, als sie ringsum zu blühen begannen und ihn mit jener aufdringlichen Süße erstickten, die ihn jahrelang verfolgen sollte … ich höre das leise Klingeln der vier blauen Glasperlen an dem Tuch, das den Limonadenkrug bedeckte … Es ist Vormittag, wir sind draußen im Freien (S. 31).

Stephen darf regelmäßig zu seinem Freund Keith spielen gehen. Er bewundert dessen Mutter, eine elegante und sehr gelassene Frau. Sie sprach sanft und lächelte dabei, still amüsiert und ohne die Lippen dabei zu bewegen. Einen großen Teil des Tages ruhte sie mit hochgelegten Beinen auf dem Sofa (S. 20). Täglich schlendert sie mit einem Picknickkorb durch den kleinen Ort. Manchmal gefüllt, dann auf geheimnisvolle Weise wieder leer. Und genau das wird ihr eines Tages zum Verhängnis. Denn Keith glaubt ganz sicher, sie sei eine deutsche Spionin! Und versorge einen Deutschen, der sich irgendwo in der Nähe des Ortes versteckt halte –

Was nun beginnt, ist ein grausames kindliches Spiel. Das ist atemberaubend spannend, das ist unendlich traurig und wahnsinnig schön. Es erschreckt, wie wichtig Stephen und Keith sich nehmen. Wie sie beobachten und verdächtigen. Und wie ahnungslos sie dabei auf ein Unglück zusteuern, das beide für immer verändern wird. Frayn setzt das ganz großartig in Szene und erzählt voll tiefer Melancholie. Er schaut auf diesen kleinen Jungen, seinen Freund und dessen betörend schöne Mutter mit unendlich viel Herzenswärme und Menschlichkeit. frayn_spionagespielWie glücklich bin ich, das Buch vor einigen Wochen kurzentschlossen in meinen Urlaubs-Koffer gepackt zu haben.

In der italienischen Altstadt, in engen kleinen Gassen, in denen auch so viele geheimnisvolle Geschichten verborgen liegen, habe ich endlich eine üppige Ligusterhecke gefunden. Ich war mir ganz sicher. Stark und süß drang ihr Duft in meine Nase, verwirrte und betörte mich zugleich.

Michael Frayn. Das Spionagespiel. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. München 2016. 223 Seiten. 9,90 €

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