Rasha Khayat. Weil wir längst woanders sind

kayat_weil_wir_längst_woanders_sindLayla und Basil sind zwei untrennbar und sehr eng miteinander verbundene Geschwister. Viele Jahre gemeinsamen Lebens mit Alex in einer Hamburger WG lösen eine intensiv schöne Kindheit ab. Doch dann ist Layla plötzlich weg. Basil ist schockiert und wütend, als er erfährt, dass seine Schwester eine traditionelle Ehe in Jeddah in Saudi-Arabien eingehen will. Dort, wo beide aufgewachsen sind. Wo sie Freunde hatten, wo sie zur Schule gegangen sind, wo sie als Kinder glücklich waren.

Fremd fühlten sich Layla und Basil immer bei den Großeltern in Deutschland, wo  sie regelmäßig die Sommerferien verbracht haben. Eines Tages geht es nach den Schulferien nicht wie gewohnt zurück in die arabische Heimat. Beide Kinder sind völlig ahnungslos, als ihre Eltern Barbara und Tarek sich für ein Leben in Deutschland entscheiden. Basil versucht sich später zu erinnern, ob er es irgendwie hätte ahnen können:

Den letzten Abend vor der Abreise … verbrachten wir wie immer im Haus von Onkel Khaled. Die Männer spielten im Hof Karten und rauchten Shisha. Tante Basma hatte große Platten Milchreis mit Huhn und Kardamom gekocht, und für uns Kinder gab es Sambusak und noch mehr Eis zum Nachtisch … Ich habe oft darüber nachgedacht, ob es irgendwelche Anzeichen gegeben hat an dem Tag, dass dies … unsere letzten Stunden in dem alten Haus waren (S. 81/82).

Vorerst vergehen die Ferien in Deutschland wie immer, dann geschehen merkwürdige Dinge. Wintersachen werden gekauft und dicke Schuhe! Der Übergang geschieht völlig nahtlos, die Kinder gehen plötzlich in eine deutsche Schule und Vater Tarek fährt jeden Tag zur Arbeit in seine deutsche Firma. Layla und Basil schweißt dieses Ereignis noch enger zusammen. Das erste Kapitel Schnee beschreibt wundervoll diese Einheit:

Eines Tages ist er einfach da. Über Nacht, ganz leise und unbemerkt. Er liegt dort, als wäre es nie anders gewesen, völlig selbstverständlich … Wir hatten noch nie echten Schnee gesehen … Hinter mir höre ich, wie Layla mit leisen tapsenden Schritten ins Zimmer kommt (S. 9/10). Basil findet, dass Layla mit sieben Jahren zu alt ist, um mit einem Stoffhasen zu schlafen, doch er ahnt auch, dass dieser Hase eine bedeutende Stütze für seine kleine Schwester ist. Voller Liebe legt er seinen Arm um die Schultern des zitternden Mädchens im Nachthemd. Mit den ungekämmten Locken erinnert es ihn an Ronja Räubertochter.

Im zweiten Kapitel Aufbruch springt die Handlung in die Gegenwart. Basil ist auf dem Weg zur Hochzeit seiner Schwester. Mit ihm tauche ich ein in die pulsierende intensive Welt des arabischen Lebens. Für Layla fühlt es sich sehr vertraut an in der Familie, auch wenn es oft laut und sehr turbulent zugeht. Ich mag sofort die liebevolle Herzlichkeit, die überströmende Wärme, die in jedem Ya Habibi. Ya Galbi. Hamdilla al salamah. Mashallah mitschwingt. Und so kann ich im weiteren Verlauf der Story mehr und mehr Laylas Entscheidung verstehen. Basils Perspektive erlaubt mir aufregende Einblicke in eine geheimnisvolle Welt, in welcher Layla sich unglaublich wohl fühlt und die seine nicht mehr ist. Genau das macht die Geschichte besonders spannend. Hier der distanzierte Basil. Dort die selbstbewusste Layla, locker umhüllt von einem Schleier, den sie nicht aus religiösen Gründen trägt. Sie beachtet einfach die traditionellen Vorschriften. Sie spürt ihre Wurzeln wieder. Ebenfalls traditionell ist am Freitag der Besuch in der Moschee. Basil ist dies völlig fremd. In seinem Hamburger Leben kam Religion nicht vor. Doch er lässt sich überreden, begleitet die Familie, murmelt ein paar Verse, verbeugt sich vorschriftsmäßig mehrmals Richtung Mekka. Ihn befremdet all dies. Mit seinem Schwager Omar wird er nicht warm. Doch ist das wichtig? Geht es nicht einzig und allein um Laylas Glück? Wenn Deutschland keine Alternative für Layla ist, so bleibt Basil nur, dies zu akzeptieren. Vielleicht fühlt es sich für Layla einfach nicht mehr richtig an, in einem Deutschland zu leben, wo der Rassismus gegen Araber, Türken und Afrikaner zum Alltag gehört.

Einige Fragen bleiben offen und so freue ich mich umso mehr, dass Rasha Khayat am Sonntag (27.03.16) zu Gast bei den Literatur-Agenten auf radioeins ist. Sie erzählt von ihrem Roman und dessen Entstehen. Die Idee, Laylas Geschichte zu erzählen kam auch daher, dass ihr Leben in Hamburg sie mehr und mehr genervt hätte. Geboren in Dortmund und aufgewachsen in Deutschland, würden sie die ewig gleichen Bemerkungen zwischen „Du sprichst ja gut Deutsch“ und „Wo kommst du eigentlich her“ nerven. Auch hätten sich die Vorurteile gegenüber Arabern seit dem 11. September deutlich verstärkt. Sie sei für einen gleichberechtigten Umgang miteinander. Für das Verständnis anderer Kulturen. Rasha Khayat versteht sich auch als eine politische Stimme in Deutschland. Auf ihrem Blog West-östliche Diva. Das deutsche Fenster zu Arabistan spricht sie offen über die gegenwärtige Situation in Deutschland, erzählt sie vom Deplatziertsein, vom Balanceakt des Lebens zwischen vielen Welten und von Alltagsrassismus.

In ihrem Roman Weil wir längst woanders sind greift sie diese Themen auf. Der Erzählfluss der Geschichte ist langsam und harmonisch. Das könnte auch daran liegen, dass Rasha Khayat beim Schreiben im Hintergrund gern leise die Songs von Leonard Cohen laufen lässt. Cohen erzähle leise, poetisch und mit großer Tiefe. Eine Stimmung, die im Roman ganz sicher zu spüren ist. radioeins beschließt sein Interview mit So long, Marianne. Und ich denke, das passt!

Wer noch mehr zum Buch erfahren möchte, der schaut mal hier bei der Buchbloggerin.

Rasha Khayat. Weil wir längst woanders sind. DuMont Buchverlag Köln 2016. 187 Seiten. 19,99 €

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6 Antworten zu “Rasha Khayat. Weil wir längst woanders sind

  1. Liegt ziemlich weit oben im Stapel und wird demnächst gelesen. Schöne Grüße aus Hamburg, Gérard

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    • Bin gespannt, wie es dir gefällt und ob du mit dem Cohen-Sound des Buchs etwas anfangen kannst. Vielleicht entdeckst du ja einen ganz anderen Sound. Es lohnt sich jedenfalls sehr, den Roman zu lesen.
      Schöne Grüße zurück, Jacqueline

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  2. Liebe Masuko,
    ich war gestern in meiner Buchhandlung und da ist mir doch dieses Cover direkt entgegen gesprungen. Da musste ich es natürlich auffangen und in meine Tasche beordern.
    Bin sehr auf die Lektüre gespannt. Du hast mir große Lust darauf gemacht.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    • Liebe leselilly, dir ist das Buch entgegen gesprungen und du hast es aufgefangen?! Was für ein schönes Bild. Ich kann mir genau vorstellen, was du meinst. Mir ging es zuletzt am Indiebookday so. Das Buch meines Herzens ließ mich einfach nicht vorbei. Ich musste es nehmen, bezahlen und schließlich auch sofort lesen: „Eine überflüssige Frau“.
      Natürlich bin ich nun wahnsinnig neugierig, wie es dir mit Layla und Basil gehen wird.
      Und dann warten sicher noch der kleine Stan und seine Mama aus Lot Vekemans Roman auf dich.
      Frühlingsrüße, masuko

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  3. Danke Masuko für dieses unvergessliche Leseerlebnis. Hatte heute den ganzen Nachmittag frei und habe das Buch in einem Rutsch verschlungen. Ich konnte abtauchen und war von der Erzählweise der Autorin total gefangen genommen.
    Ich freue mich immer sehr über deine tollen Buchtipps und warte nun auf Lot Vekemans Roman.
    Hab noch einen schönen Abend.

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    • Ja, mit Rasha Khayatt betritt man eine aufregend andere Welt. Das Buch ist ja auch wie gemacht für einen freien Nachmittag. Ich erinnere mich, es auch an einem einzigen Tag gelesen zu haben. Meinen Abend verbringe ich zwischen all meinen Büchern. Er ist jetzt schon wundervoll 🙂
      Dir auch einen schönen Abend, liebe leselilly.

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