Lot Vekemans: Ein Brautkleid aus Warschau

lot_vekemans_ein_brautkleid_aus_warschauIch mag Geschichten mit offenem Ende. Auch die niederländische Dramaturgin und Autorin Lot Vekemans mag es, wenn der Leser am Ende selbst entscheiden kann, wie es mit den Figuren der Geschichte weiter geht.  Und so bleiben viele Fragen offen, wenn in ihrem Roman „Ein Brautkleid aus Warschau“ der letzte Satz gesagt ist. Ihre holländischen Leser seien darüber erzürnt gewesen, sagt Lot Vekemans mit einem charmanten Lächeln. Auf der Lese-Bühne der Kammerspiele im Deutschen Theater (21.02.16) erzählt sie, wie es zum Roman gekommen ist, der ursprünglich als Theaterstück geplant war. Moderiert wird die Veranstaltung von Thorsten Ahrendt vom Wallstein Verlag . Felix Goeser und Kathleen Morgeneyer lesen einzelne Passagen.

In der dramaturgischen Version, so erzählt Vekemans, sollten ein paar verrückte Holländer mit einem Bus nach Polen fahren. Dort würde nach einer Panne alles anders verlaufen, als ursprünglich geplant … Schnell aber spürte die Autorin während des Schreibens, dass diese Idee für die Bühne nicht funktionierte. Die Hauptfigur Marlena nahm bereits so viel Raum in ihrem Kopf ein, dass sie beschloss, deren Geschichte zu erzählen. Erste Leseproben begeisterten auch ihre Freunde. Ein spannendes Projekt. 

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© Wallstein Verlag

Der Einstieg in die Geschichte ist wild und außergewöhnlich. Was ursprünglich als Bus mit ein paar Holländern geplant war, ist jetzt ein 15 Jahre alter blassroter Fiat im Polen der 90er Jahre. Fünf Leute quetschen sich in dieses winzige Auto, welches diversen Schlaglöchern, Kühen und alten Bauern auf der Landstraße ausweichen muss. In Warschau hatten sie gerade dem Papst gewunken, auf der Fahrt zurück in ihr polnisches Dorf werden sie gleich einen kurzen Stop machen, um im Hotel „Europa“ die besten Hamburger zu essen, die es weit und breit gibt. Und dort, im Hotelrestaurant, begegnen sich auf schicksalhafte Weise der Amerikaner Natan und das Mädchen Marlena. Sie treffen sich bald darauf wieder, reden stundenlang und dann … der erste Kuss. Man weiß es sofort, wenn es wahre Liebe ist. Sie steht sicher und fest wie ein Felsen im in der Mitte eines Flusses und weicht selbst dem wildesten Toben nicht aus. Es ist, als sei man größer als man selbst. als wohne man im Herzen statt das Herz im Körper. Ja, genauso fühlte es sich mit Natan an (S. 21).

Doch Natan muss zurück in die USA und Marlena bleibt allein. Sie erwartet ein Kind, von dem Natan nichts weiß. Für die 26-Jährige ein Drama. Denn bisher war es ihr zwar gelungen, ihre Beziehung zu einem amerikanischen Juden vor ihrer katholischen Mutter zu verheimlichen, mit der Schwangerschaft wäre das schwierig. Man muss dazu wissen, dass Marlena vor dem allwissenden Auge ihrer Mutter mehr Angst hatte als vor dem allwissenden Auge Gottes! Eine Zwangsheirat mit einem polnischen Bauern käme nicht in Frage. Marlena trifft eine sehr mutige Entscheidung. Sie kontaktiert ein Reisebüro zur Vermittlung polnischer Bräute und beschließt, auszuwandern. Die Geschichte beschleunigt sich, alles geht plötzlich furchtbar schnell und nach einigen kurzen Entscheidungen ist Marlena die Ehefrau von Andries – einem verwitweten Bauern in Niederlande.

Andries war ein schweigsamer Mann … ich konnte dankbar sein, dass ich bleiben durfte, als er herausfand, dass ich schwanger war. Er wusste, dass es nicht von ihm war. Wir hatten schließlich kein einziges Mal das Bett geteilt … und der einzige Kuss, den ich von ihm bekam, war bei der Hochzeit auf dem Standesamt (S. 50). Auch wenn dieser schweigsame Mann weder attraktiv noch sympathisch zu sein scheint, Marlena mag ihr neues Leben. Sie mag die Wiesen, die Kühe und den Hofhund Boele. Und dann wird Stan geboren und es geschieht ein kleines Wunder. Andries wird nicht nur rechtlicher Vater von Stan, sondern auch Vater im Herzen. Beide sind ein perfektes Vater-Sohn-Team. Kleine Momente stillen Glücks teile ich als Leser mit den Romanfiguren und denke, dass nicht immer der biologische Vater auch der richtige Vater für den Alltag sein muss. Ich fühle mich wohl in dieser kleinen und scheinbar heilen Marlena-Stan-Andries-Welt, als die Geschichte eine heftig Wendung nimmt. Marlena besucht nach vielen Jahren wieder ihre Heimat, nimmt Stan mit und … bleibt.

Polen war mir wieder unter die Haut gekrochen. Ich konnte mich nicht länger vor dem ungeheuren Heimweh verstecken, das ich jahrelang hatte begraben wollen (S. 82). Das Problem – Stan hört von diesem Tag an auf, zu reden. Er bleibt komplett stumm, will zurück zu seinem Daddy nach Holland. Sein Schweigen ist zerstörerisch. Eine kindliche Waffe aus Protest gegen die mütterliche Entscheidung. Ich möchte Stan an die Hand nehmen und mit ihm nach Holland reisen zu seinem Daddy und zu Boele. Wie sonst könnte dieses Schweigen gebrochen werden?

An diesem Punkt der Geschichte macht die Autorin etwas sehr Geschicktes, indem sie im nun folgenden Teil Andries erzählen lässt. Im dritten Teil des Romans dann kommt Szymon zur Sprache, entfernter Verwandter von Natan und momentaner Besitzer von Hotel „Europa“. Zurück bis zu jener Begegnung von Marlena und Natan vor neun Jahren höre ich von Szymon wieder eine ganz andere Story. Ganz behutsam öffnet Vekemans Türchen um Türchen und zeigt – es gibt viele Wahrheiten. Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Beziehungen sind kompliziert. Die Liebe an sich ist kompliziert. Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht ein Kind. Der kleine Junge Stan, der nicht mehr spricht. Wird sein Schweigen die Mauer brechen? Und werden die Erwachsenen in seinem Umfeld die richtigen Entscheidungen treffen? Geht Marlena nach Holland zurück? Bleibt sie bei Szymon in Polen?

Lot Vekemans beantwortet nicht alle dieser Fragen. Und dennoch sitze ich hier mit dem Gefühl, eingetaucht zu sein in eine großartig erzählte Geschichte, die eigentlich ganz alltäglich ist. Und in der ich mich sehr wohl gefühlt habe.

Eine weitere Stimme zum Buch findet Ihr bei Hauke von leseschatz

Morgen feiern alle Freunde des unabhängigen Buches den vierten Indiebookday. Ins Leben gerufen von Daniel Beskos aus dem mairisch Verlag, ist er zu einer schönen und wichtigen Tradition geworden. Auch dieses Jahr also wieder: Geht in Eure Lieblings-Buchhandlung und gönnt Euch ein Buch aus einem unabhängigen Verlag. Vielleicht fällt Eure Wahl ja auf „Brautkleid aus Warschau“. 

Lot Vekemans. Ein Brautkleid aus Warschau. Aus dem Niederländischen von Eva Pieper und Alexandra Schmiedebach. Wallstein Verlag. Göttingen 2016. 253 Seiten. 19,90 €

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7 Antworten zu “Lot Vekemans: Ein Brautkleid aus Warschau

  1. Liebe Masuko,
    das klingt mal wieder sehr vielversprechend. Ist das deine uneingeschränkte Empfehlung für den morgigen Indiebook-Day?
    Bisher konnte ich mich immer 100%ig auf deine Empfehlungen verlassen. Also werde ich auch dieses Mal vertrauensvoll das Buch auf meine Leseliste setzen.
    Ich wünsche Dir ein wunderschönes und erholsames Osterfest.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    • Liebe leselilly,
      ja, ich mag das Buch wirklich sehr. Stan und seine Mama sind mir sehr ans Herz gewachsen.
      Es fällt mir schwer, zu sagen, ob das meine 100 %ige Empfehlung zum Indiebookday ist. Es ist eine von vielen. Kommt darauf an, was du momentan gern lesen magst und dir deshalb zum Indiebookday kaufen möchtest.
      Ich mochte ja auch „Unorthodox“ so sehr! Meine Nummer 1! Bin gespannt, wofür du dich entscheidest.
      Schöne Feiertage wünscht dir masuko

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  2. Vielen Dank für die verlinkung zum Leseschatz!
    Danke und herzliche Grüße, Hauke

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  3. Liebe Masuko,
    habe gerade das Buch beendet und bin auch hellauf begeistert. Du hast Recht. Marlena und Stan sind auch mir ans Herz gewachsen. Es sind sehr sympathische Figuren und man möchte ihnen nur das Beste wünschen.
    Ich finde das offene Ende in diesem Fall sehr gelungen. So denkt man nochmals über die ganze Geschichte nach.
    Les‘ noch schön! Was liest du denn gerade?

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    • Liebe leselilly,
      dir hat auch das offene Ende gut gefallen?! Wie schön.
      Und ich? Ich tauche gerade nochmal ein in den Roman „Am Ende bleiben die Zedern“. War zu einer Lesung mit dem Autor Pierre Jarawan und muss jetzt einige Passagen nochmal lesen … Schöne Grüße, masuko

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  4. Pingback: Flandern und die Niederlande: Eine literarische Entdeckung. | Klappentexterin

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