Abbas Khider. Die Orangen des Präsidenten

khider_orangen_btbIn wenigen Tagen erscheint bei Hanser Literaturverlage der neue Roman „Ohrfeige“ von Abbas Khider. Ich sehe das als einen Anlass, nochmal inne zu halten und mich zu erinnern, was damals das Buch „Die Orangen des Präsidenten“ mit mir gemacht hatte …
In meinem Notizbuch von 2011 finde ich einleitend die Worte von Denis Scheck, der in seiner Sendung „Druckfrisch“ den Roman ein paradiesisches Buch, das direkt in die Hölle führt nannte. Besser kann man es kaum sagen. Dieser Roman mit seinen 160 Seiten – an welchem Abbas Khider drei Jahre lang geschrieben hat –  vereint Glück und Unglück, Schönheit und Grausamkeit auf einzigartige Weise. Er wollte seine Leser unbedingt auch unterhalten mit seiner Geschichte, wollte nicht nur schockieren. Er wollte von der Schönheit seiner Heimat erzählen und gleichzeitig auch von Saddam, von Folter und von Haft. Das ist ihm auf ganz besondere Weise und auf höchstem literarischen Niveau gelungen. Ich erinnere mich, wie fasziniert und beeindruckt ich war, als ich vor fünf Jahren umsonst nach einem arabischen Übersetzer im Impressum suchte – Khider hat diesen Roman (wie alle anderen Romane auch) auf Deutsch geschrieben. In einem Interview, das ich ebenfalls nie vergessen werde, sagte Abbas Khider, dass er nur auf Deutsch eine solche Geschichte hat schreiben können. In seiner Heimatsprache wäre ihm das so nie gelungen. Die neue Sprache hatte den nötigen Abstand garantiert.
1973 in Bagdad geboren, floh er aus politischen Gründen 1996 aus dem Irak und lebt seit 2000 in Deutschland, derzeit in Berlin. In München und Potsdam hat Abbas Khider Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und ist für mich neben Rafik Schami einer der wichtigen deutschsprachigen Autoren aus der arabischen Welt. In den Romanen beider Autoren finde ich Antworten auf so viele Fragen. Abbas Khider wurde bisher mit so bedeutenden Auszeichnungen, wie dem Adalbert-von Chamisso-Förderpreis, dem Nelly-Sachs-Preis und dem Hilde-Domin-Preis geehrt.

Mit seiner Figur des Jungen Mahdi im Roman „Orangen des Präsidenten“ erreichte Khider damals direkt mein Herz. Mit Mahdi saß ich hungernd und leidend in Saddams Gefängnis in Bagdad. Mit Mahdi träumte ich mich zurück in das Haus seiner Mama.
Spielend tauscht Khider diese beiden Ebenen aus, wechselt von der Todeszelle direkt zu Mahdis Tanten, Cousinen und zu seiner Mama. Zu dem Taubenzüchter Sami und dem Geschichtslehrer Razaq. Das absurde Erlebnis, als alle Gefangenen an Saddams Geburtstag eine einzelne Orange im Gefängnis geschenkt bekommen, hat Khider, der zwei Jahre im Irak im Gefängnis saß, selbst erlebt. Statt der versprochenen Amnestie für jeden eine Orange! Wie grausam, wie absurd. Nichts davon spüre ich beim Lesen des Romans, der geprägt ist von dieser spielerischen und phantasievollen – ja fast zarten – Leichtigkeit. Einer Leichtigkeit, die ebenso schnell direkt in die Hölle hinein und dann schnell wieder heraus führt. Khider macht das seinem Leser auf der ersten Seite knallhart klar:

Meine Mutter weinte, wenn sie sehr glücklich war. Sie nannte diesen Widerspruch „Glückstränen“. Mein Vater dagegen war ein überaus fröhlicher Mensch, der überhaupt nicht weinen konnte. Und ihr Kind? Ich erfand eine neue, melancholische Art des Lachens. Man könnte es als „Trauerlachen“ bezeichnen. Diese Entdeckung machte ich, als mich das Regime packte und in Ketten warf … Ein Mal war ich ganz in der Gewalt eines Wärters, den ich Charlie Chaplin nannte. Er trieb nur einige Wochen lang bei uns sein Unwesen, danach habe ich ihn nie wiedergesehen. Er war sehr klein, nur knapp über einen Meter groß, schien mir, und trug einen lustigen Zweifingerschnurrbart …

In der Hölle noch lachen zu können und in einem fiesen Wärter die tragikomische Figur des Charlie Chaplin zu sehen, das mag nur gelingen, wenn man über genügend kindliche Phantasie verfügt und diese auch einzusetzen vermag. Mahdis Kindheit und Jugend sind glücklicherweise geprägt von einem freundlichen Umfeld. Auch wenn sie in krassem Gegensatz zur erlebten Gegenwart stehen, machen gerade die Erinnerungen und der naiv jugendliche Blick das Lesen dieses einzigartigen Romans zu einem besonderen und ganz sicher unvergesslichen Leseerlebnis.

Abbas Khider. Die Orangen des Präsidenten. Erstausgabe bei Edition Nautilus. Hamburg 2011 / btb Taschenbuch. Random House 2013. 160 Seiten. 8,99 €

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10 Antworten zu “Abbas Khider. Die Orangen des Präsidenten

  1. Liebe Masuko,
    ich warte auch schon sehnlich auf die „Ohrfeige“, denn mich hat Khiders „Brief in die Auberginenrepublik“ sehr beeindruckt. Und dann muss ich wohl die „Orangen“ auch noch lesen…
    Viele Grüße, Claudia

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  2. Die Buchbloggerin

    Liebe Jacqueline,

    danke für die Erinnerung. Auberginen, Orangen und Ohrfeige liegen schon parat.

    Viele Grüße,
    Friederike

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  3. Die Buchbloggerin

    Dann werde ich das tun.

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  4. Das hörst sich ja wirklich sehr interessant an. Ich habe noch nie etwas von diesem Autor gelesen. Aber die Thematik interessiert mich. Also wieder ein Buch mehr auf meiner Wunschliste.
    Ich freue mich immer wieder über Deine tollen Tipps. Vielen Dank dafür.
    LG
    lesesilly

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    • Liebe leselilly,
      die Romane von Abbas Khider zu entdecken, lohnt sich wirklich sehr. Glücklicherweise sind seine Bücher relativ dünn. Dafür aber inhaltsreich! Er sagt mit wenigen Worten unglaublich viel.
      Liebe Grüße, Masuko

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  5. Die Orangen des Präsidenten ist wirklich ein großartiger Roman, man kann nicht oft gemug darauf hinwiesen. Und wie Du freue ich mich auch schon auf seinen neuen Roman.
    Liebe Grüße
    Kai

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