Patrick Modiano. Die kleine Bijou

Modiano, BijouKaum wurde am 09. Oktober der Nobelpreis für Literatur verkündet, mußte ich mir schnell ein Buch von Modiano kaufen. Direkt danach landete es in meinem Reisegepäck für die Frankfurter Buchmesse. Das ist so eine Art Tradition bei mir. Bin ich im vorigen Jahr mit den „Tricks“ von Alice Munro nach Frankfurt gereist, ist es diesmal „Die kleine Bijou“.  Seit der Buchmesse ist aber schon wieder so viel passiert, dass ich tief graben muss. Was erzählt Modiano in diesem kleinen Roman? Da ist die 19jährige Thérèse, die als Mädchen Die Kleine Bijou gerufen wird. Sie ist noch ein Kind, als ihre Maman mit einem Mann nach Marokko verschwindet. Die Kleine Bijou bleibt in Paris. Eine Spurensuche –

Prenzlauer Berg 19.10.14 008Und dann habe ich plötzlich eine Idee. Denn genau wie die Kleine Bijou, bin auch ich an diesem sonnigen Oktobersonntag auf Spurensuche. Sitze bei marokkanischem Minzetee im 1993 eröffneten Café November in der Sredzkistrasse im schönen Prenzlauer Berg. Wie viele Erinnerungen ich mit den Straßen hier verbinde! Egal, ob ich in der belebten Eberswalder Strasse stehe und das Trödelmarkt-Getümmel im Mauerpark beobachte oder ob ich in einem Café in der Oderberger Strasse sitze mit Blick auf ebendiesen Park … Plötzlich verschwinden alle Farben. Menschenleere Ödnis erstreckt sich vor meinem Auge. Ich bin in den 80er Jahren und die Häuser beider Strassen sind unverputzt sowie voller Einschusslöcher aus dem letzten Krieg. Beide Strassen führen direkt hin zu einer grauen Betonmauer und einem Aussichtsturm. Ein Grenzsoldat bewacht den Ostteil der Stadt vor der Mauer, dahinter die Bernauer Strasse und der Wedding. Auf dem Aussichtsturm eine winkende Freundin aus Kreuzberg. Vor der Mauer: meine Ostberliner Freunde und ich …

… Lärm, Farben, Klänge von Strassenmusik, ein dampfender Cappuccino. Oktober 2014. Wie gut sich das anfühlt. Weiter mit dem Rad Richtung Prenzlauer Allee an der Kulturbrauerei vorbei …. das Kino gab es nicht immer, aber großartige Konzerte im rohen unverputzten Kesselhaus. Es sind die späten 90er Jahre und auf der Bühne steht die gerade neu entdeckte Band Tocotronic …

Auch für Thérèse verschwimmen während ihrer Streifzüge durch Paris gegenwärtige Realität und vergangene Erinnerung. In kaum spürbaren Wechseln ist sie abwechselnd einsame junge Frau oder kleines Mädchen, das seine Maman vermisst. Auch die Ortswechsel geschehen fließend und beinahe unmerklich. War Thérèse eben noch in einer breiten Pariser Avenue, befindet sie sich schon im Café Calciat. Und – en passant – geht es in die kleine finstere und von düsteren Zigelbauten gesäumte Rue du Quartier-de-Cavalerie. Zusammen mit Thérèse fahre ich in der Pariser Metro, besteige muffige Stiegen mit einem rotem Teppich in einem alten Hotel.

Die Geschichte beginnt damit, dass Thérèse eines Tages in der Pariser Metro in einer Frau im gelben Mantel ihre Mutter zu erkennen glaubt und dieser von nun an folgt. Die Ähnlichkeit mit ihrer Maman ist verblüffend und verleitet sie zu diversen Vermutungen. Eigentlich weiß sie, dass ihre Mutter tot ist. Und doch ist da ein kleiner Funke Hoffnung.

Auch ich stelle mir nun vor, ihre Maman hätte einfach – wie so oft in ihrem Leben – ihre Identität gewechselt und würde unverhofft in Paris wieder auftauchen. Mit lediglich 7 Worten beschreibt Modiano diese grenzenlose Hoffnung: „Man stirbt nicht einfach so in Marokko“. Und so banal dieser Satz auch klingen mag, so tief erschüttert er mich. Drückt er doch die gesamte Verzweiflung eines 7jährigen Mädchens aus, das ohne Abschied und jegliche Erklärung seine Mutter verliert. Thérèse ist zwar äußerlich zu einer Frau herangewachsen, doch innerlich ist sie das tief verletzte Kind. An einem Tag, als die Sonne scheint und der Himmel marokkoblau ist, begeht sie deshalb einen fast tödlichen Fehler. Fast! Ganz tief atme ich aus, schließe Die Kleine Bijou tief in mein Herz und den Erzähler Modiano gleich dazu. Ein Erzähler, dessen Sätze von so großer Klarheit und so bezaubernder Schönheit sind.

Freue mich nun auf den November, wenn im Hanser Verlag „Gräser der Nacht“ von Modiano erscheinen wird. In der Ankündigung wird der Roman verglichen mit einem Film noir. Für mich klingt er wie „Die Kleine Bijou“ aus einer anderen Perspektive. Wieder spielt die Geschichte in Paris. Und wieder verschwindet eine geheimnsivolle Frau mit wechselnden Identitäten und Kontakten nach Marokko. Der Mann, der sie liebt wird als Zeuge in einem Todesfall verhört.

Patrick Modiano. Die kleine Bijou. Aus dem Französischen von Peter Handke. Deutscher Taschenbuch Verlag München 2013. 150 S., 9,90 €

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13 Antworten zu “Patrick Modiano. Die kleine Bijou

  1. Liebe masuko,
    was für eine wunderschöne, stimmungsvolle Buchbesprechung! Wenn ich nicht ohnehin schon neugierig auf Patrick Modiano wäre – nach deiner Beschreibung dieses Romans wäre ich es ganz sicher!
    Liebe Grüße aus Hamburg,
    Claudia

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  2. Vielen Dank für diese großartige Besprechung! Auch ich kann es kaum erwarten, etwas von ihm in die Finger zu bekommen, da ich bisher nur Positives über ihn gehört habe – und mir zu gerne eine Meinung bilden würde! Ein schöner Stupser einen Schritt näher heran! 🙂

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  3. Liebe Masuko,
    habe mir auch gleich nach Bekanntgabe des Nobelpreises ein Buch von Modiano genommen, welches ich vor ca. 2 Jahren gelesen habe – Im Café der verlorenen Jugend. Ich finde, er hat eine wunderschöne Sprache und man fühlt sich, als wäre man selbst in Paris. Die kleine Bijou werde ich auch unbedingt noch lesen.
    Wünsche Dir einen schönen Abend.
    LG
    lesesilly

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    • Ja, es gibt so viele Bücher mit so außergewöhnlich schönen Titeln von Modiano. Das war doch eine wirklich gute Entscheidung, ihm den Nobelpreis zu verleihen. Nun sind wir alle im Modiano-Fieber 😉
      Liebe Grüße, Masuko

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  4. Ich danke dir für diese tolle Besprechung, liebe masuko! Ich habe letztens durch Zufall entdeckt, dass ich tatsächlich schon einen Modiano im Regal stehen habe – der Horizont, so heißt das Buch. Ich freue mich schon sehr auf die Lektüre. Aber auch das von dir vorgestellte Buch wandert direkt auf meine Wunschliste.

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    • Ach, solche Zufälle liebe ich! Da kannst du dich glücklich schätzen, ist es doch sicher ein Hardcover aus dem Hanser Verlag! Dann es genieß – und schreib bitte bald darüber. Geht ja wohl auch wieder um Spurensuche und Paris ….
      Liebe Grüße, Masuko

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  5. Salut, liebe masuko! Ich bin entzückt. Was für ein wundervoller Beitrag! Würden Patrick Modiano und ich uns nicht schon kennen, dann würde ich es spätestens jetzt nachholen wollen.

    Au revoir,
    Klappentexterin

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    • Bon soir et salut à toi! Merci beaucoup aussi… na, da hört es schon auf mit meinem Französisch 😉
      Nun können wir uns ganz sicher gemeinsam auf den November und seinen neuen Roman „Gräser der Nacht“ freuen. Liebe Grüße, Masuko

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  6. Nun las ich gerade in aller Ruhe deine Rezension. Wie immer unsagbar wunderbar.

    Zwei Cafés in der Nähe des Mauerparks mag ich auch sehr. Ja Sonntag der Trödelmarkt und im Sommer gelegentlich den Stimmen lauschen, die vor vielen Leuten musizieren oder oft sehr gut singen. Danke für deine Zeilen.

    Ich las nu Bücher von Modiano und vielleicht sollte ich mich nun doch an „Die kleine Bijou“ wagen? Mich macht nur die Thematik merklich und persönlich etwas unsicher. Aber du hast meine Meinung in nun schon merkliche Neugier verwandelt.

    In den letzten Wochen bin ich ein Fan von Modiano geworden. Er schreibt, beschreibt oft nur wenig und doch sagt er alles.

    Masuko, hab ein schönes Wochenende wie ein grandioses Buch, dessen Duft und Zeilen den nebligen Herbsttag sonnig untermalen.

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  7. Wunderbare Besprechung, die mich zudem außergewöhnlich unterhalten hat. Danke dafür!

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