Wolfgang Herrndorf. Bilder deiner großen Liebe

Kanal 004Zurück von der Frankfurter Buchmesse und voller schöner Eindrücke!! Die besten Momente waren sicher, Nino Haratischwili und den Verleger Sebastian Guggolz zu treffen sowie ein Spaziergang am Rhein in Mainz (Beiträge folgen).

Was auf dem Foto hier so still und träge fließt  – das ist allerdings der Landwehrkanal in Kreuzberg. Ich schaue nämlich gerade in meine Entwürfe und finde … Isa Schmidt …

Es ist die Nacht zum 3. Oktober und während ich diesen Text schreibe, frage ich mich, ob es schon mal einen so milden Herbst gab. Tiefe Nacht und ich sitze bei weit geöffnetem Fenster! Mit Blick auf einen Kreuzberger Hinterhof. Stille. Dann lautes Schnattern – die Wildgänse ziehen über das Häuserdach und erinnern mich daran, dass wirklich Oktober ist. Ich habe sofort Bilder im Kopf. Das riesige „V“ am Himmel mit der einen Leitgans. Es beeindruckt mich jedes Jahr aufs Neue –

Hat die 14jährige Isa Schmidt da draußen auf der Landstrasse auch Wildgänse ziehen sehen? Überhaupt – wie geht es ihr jetzt? Was macht sie? Ich werde es nie erfahren. Es wird (glücklicherweise!) nie eine Fortsetzung geben, auch wenn der Hauptgrund dafür ein trauriger ist. Wolfgang Herrndorf lebt nicht mehr.

Kanal 007Doch er hat uns dieses Roman-Fragment  hinterlassen, das ich nicht als Fortsetzung von „Tschick“ sondern als absolut eigenständige Geschichte verstehe. Es ist Isas Geschichte. Ich mag Isa, sie ist so herrlich verrückt. Aber auf diese Art verrückt, dass ich mehr und mehr das Gefühl bekomme, sie ist die Normale und bestaunt eine Welt von Verrückten. Den Fernfahrer Teddybär in seinem 12-Tonner, den sie eine Weile als Tramperin begleitet. Den Schiffer, der sich als Bankräuber ausgibt. Und zu dem Isa einfach an Bord springt –

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Ihre bizarren Gedanken muten manchmal an wie Glassplitter, glitzern im Sonnenlicht. Und so, wie Isa in ihren Gedanken hin und her springt, so hüpft sie von einem zum nächsten Ort. Bringt mich außer Atem. Eben noch auf dem Kanal und im Gespräch mit dem Fluss-Schiffer, plötzlich Pilze knabbernd im Wald. Pilze mit Lamellen!!. Ich möchte sie beschützen, möchte ihr ein Käsesandwitch schmieren und ihr 5 € schenken. Aufmerksamkeit und ein warmes Bad dazu. Mit furchtbar viel Schaum. Ich würde ihr eine Schale voller braunschwarzbrauner Lakritzen auf den Wannenrand stellen, denn diese mag sie am liebsten. Und sie mag Tiere. Viel mehr als Menschen. Ich habe Gänsehaut, wenn Ida völlig ohne Zusammenhang sagt: „Manchmal bin ich ein Marder und bewohne den goldenen Berg.“ Man, verdammt. Sie ist doch noch ein Kind, sie sollte nicht so allein da draußen sein –

Dann endlich das Wiedersehen mit Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, genannt Tschick. Die Müllkippe aus Isas Sicht. „Der Russenjunge“ mit ihren Augen. Mir wird furchtbar warm im Herzen. Denn die ganze Szene habe ich so vor Jahren schon mal gelesen. Aber mit dem Blick der Jungs auf Isa wirkte alles komplett anders. Es ist absurd, aber ich freue mich, als würde ich gerade zwei alte Freunde treffen. Und das, obwohl ich mir bewußt bin, einen Roman, reinste Fiktion, zu lesen. Maik, Isa, Tschick – Kopfgeschichten. Herrlich!

Und nun sitze ich hier und schaue auf das Buchcover – eine Landschaft, gemalt von Wolfgang Herrndorf. Ich bin so gleichzeitig traurig und froh. Traurig, weil ich zum vierten Mal den absolut und mit Sicherheit letzten Satz gelesen habe. Und irgendwie froh, dass es ein Fragment geblieben ist. Roh wie ein ungeschliffener Diamant. Eine Road Novel der ganz besonderen Art. Eine Geschichte, die bleibt. Genauso bleiben wird, wie Jack Kerouacs Roman „On the road“. In dem es von „Verrückten“ nur so wimmelt. Und in dem es an einer Stelle heißt:

Denn die einzig wirklichen Menschen sind für mich die Verrückten, die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, erlöst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren – jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie phantastische gelbe Wunderkerzen.

Wolfgang Herrndorf. BILDER deiner großen LIEBE. Herausgegeben von Marcus Gärtner und Kathrin Passig. Rowohlt Berlin Verlag GmbH 2014. 141 S. 16,95 €

 

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2 Antworten zu “Wolfgang Herrndorf. Bilder deiner großen Liebe

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