Frans Eemil Sillanpää. Frommes Elend

sillanpää, elendDie Spannung steigt, denn in wenigen Stunden wird wieder der Nobelpreis für Literatur vergeben. Der einzige finnische Autor, der jemals diesen Preis erhalten hat, ist Sillanpää und „Frommes Elend“ sein berühmtester Roman. Mit ihm und dem Autor Maxim Harezki startet der in diesem Jahr in Berlin gegründete Guggolz Verlag sein Programm. Verleger Sebastian Guggolz hatte auf der Suche nach vergessenen Autoren u.a. Frans Eemil Sillanpää (1888-1964) entdeckt.

Diesen Roman zu lesen, war eine ganz besondere Erfahrung. Und das hat mehrere Gründe.

Es ist ein wirklich schön gemachtes Buch. Wieder einmal habe ich gespürt, dass mich auf Papier gedruckte Worte viel tiefer im Herzen treffen, als elektronische. Hätte mich die Geschichte von Jussi auf dem eReader genauso berührt?

Ein weiterer Grund ist, dass sich die Geschichte vom Toivola-Jussi wie eine Vorgeschichte moderner finnischer Romane liest. Der Autor entführt mich in eine Zeit und in eine Gegend Europas, die mir fremd sind. Die Romane von Autorinnen wie Sofi Oksanen und Katja Kettu verstehe ich nun noch viel besser, Sillanpää hat mir den Schlüssel dazu gegeben.

Seine lakonische und ein bißchen verrückte Art zu erzählen, ist außerdem eine ganz besondere Freude. Vielleicht klingt das absurd, doch in manchen Situationen fühlte ich mich an den amerikanischen Erzähler T.C. Boyle erinnert, der auf ähnlich skurrile Art völlig ausweglose Situationen beschreibt. Und so liest sich „Frommes Elend“ bei aller Tragik doch leicht. Für die Finnen ist das beschriebene Elend ihr tägliches Leben gewesen. Finnlands Volk kennt überhaupt kaum etwas anderes als Tragik … Das Schicksal hat uns nicht langsam getötet, sondern langsam gequält. Es lässt die Sonne kurz schimmern und wenn wir dann so richtig außer uns geraten und nicht wissen, wen wir vor Glück zuerst umarmen sollen, zeigt es uns, dass es das doch nicht ernst gemeint hat (S. 200).

Und so ist es auch überhaupt keine Freude für die Eltern Maija und Penjami, als der kleine Jussi 1857 auf dem Nikkilä-Hof zur Welt kommt.
Geboren in einer Zeit, da der frühe Kindstod ein größeres Glück ist, als die Geburt eines neuen Kindes. Ein totes Kind lindert die Strapazen der Frau.

Aber Jussi lebt und Vater Penjami versäuft Haus und Hof. Als er schließlich stirbt, ist Jussi gerade 10 Jahre alt. Maija und der kleine Junge ziehen bettelnd mit unzähligen anderen Armen von Dorf zu Dorf. Sillanpää beschreibt Fluten von Bettlern, die hungernd, frierend und durstig durch das Land strömen. Es ist die Zeit der großen Hungersnot (1866-1886) und 270.000 Finnen sind ihr zum Opfer gefallen. Ich frage mich, ist Finnland nicht ein total dünn besiedeltes Land? Wieviele haben eigentlich überlebt?


Aber Sillanpää lässt mich nicht lange grübeln oder gar in Traurigkeit verfallen. Jussis Kindheit endet rasch, er reift zum Mann, verliebt sich und nennt sich jetzt Juha:
Es war ein bedeutender Zufall, dass Juhas Annäherungen der Magd Riina sehr gelegen kamen. Im Leben kommen manchmal dermaßen köstlich harmonische Zufälle zustande. Riina war ein gänzlich einsames Wesen unter dem Himmelszelt, und sie hegte zudem den Verdacht, dass sie von einem Mann schwanger war, den sie auf keinen Fall heiraten konnte (S.119).

Beide ziehen schließlich in eine Kate in der Einöde des Waldes, genannt Kräpsälä … aber sogar ein Fremder hörte, dass das kein richtiger Name war. Die verschwundenen Bewohner waren ein bißchen chaotisch gewesen (S. 124). Oh ja, die Hütte war mehr als armselig! Und doch klingt auch hier wieder an, was den Roman auszeichnet: ein ungebrochener Humor und schrullige Charaktere in hoffnungslosen Situationen. Ich bewundere deren Würde und ihre Gabe, im tragischsten Moment dennoch ein kleines Stückchen Glück zu finden. Und ich bewundere den Autor, der mir heute, fast 100 Jahre später, einen Roman schenkt, der wie eine kleine Laterne kraftvoll im Dunkeln leuchtet.

Frans Eemil Sillanpää. Frommes Elend. Aus dem Finnischen von Reetta Karjalainen und Anu Katariina Lindemann. Guggolz Verlag. Berlin 2014. 285 S. 24,- €

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14 Antworten zu “Frans Eemil Sillanpää. Frommes Elend

  1. Liebe Masuko,
    ich habe heute den von Dir empfohlenen Roman „Wildauge“ angefangen, um mich auf die Buchmesse, die ich am Samstag besuchen werde, einzustimmen und bin vom Anfang schon begeistert. Jetzt lese ich gerade Deinen Beitrag über diesen finnischen Klassiker und frage mich, ob ich diesen als Zusatzlektüre noch einfügen soll, denn als nächstes steht Sofi Oksanen auf meiner Leseliste. Aber woher all die Zeit nehmen, die dieser Stoff erfordert?
    Bist Du auch auf der Buchmesse unterwegs? Falls ja, wünsche ich Dir viel Vergnügen.
    LG
    lesesilly

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    • Liebe Leselilly,
      wenn du mit „Wildauge“ startest, dann ist das super! Ich werde Katja Kettus Roman sicher irgendwann auch nochmal lesen, denn er ist wirklich stark! Leider hast du recht, dass so wenig Zeit bleibt für all die schönen Bücher. Wenn du „Fegefeuer“ von Oksanen noch nicht kennst, so möchte ich es dir unbedingt ans Herz legen. „Frommes Elend“ aber auch –
      In Frankfurt werde ich auch sein. Bin in größter Vorfreude. Was dort erst an Inspirationen auf uns einstürzen wird! Danach wollen wir noch mehr lesen, ganz sicher. Dir auch einen schönen Messebesuch und viele Grüße von Masuko

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  2. Pingback: Finnland. Cool. | Klappentexterin

  3. Liebe Masuko, ich werde dieses Buch nun sicher lesen, da es für mich sehr interessant klingst und du dich an T.C Boyle erinnert füllst. Ich danke dir, dass du es mit deinen Blog noch zusätzlich schaffst meine Bücherregale aufzufüllen. Ein Lächeln.

    Der Literaturnobelpreisträger ist diesmal nicht so ganz meins, obwohl „Der Horizont“ sehr schön war.

    Viel Spaß und viele neue Buchentdeckungen auf der Buchmesse. Es lohnt sich sehr, wie ich finde.

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  4. Alle Favoriten des Literaturnobelpreises sind großartig und ja irgendwie eine gute Wahl.

    „Kleine Bijou“ ist mir zu nah glaube ich. Hatte es heute in der Hand, habe mich dann aber erst für Place de l`Étoile und „Aus tiefstem Vergessen“ entschieden.

    So ein Preis ist immer gleichzeitig ein Anlass mehr von einem Autor zu lesen. Gut kenne ich ihn noch nicht wirklich und wer weiß …

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  5. ich werde mal mit diesem Roman anfangen, mal sehen, was mich erwartet. Ich kenne sonst aus Finnland nur Lassi Sinkkonen, und von ihm Solveigs Lied, das habe ich vor ganz vielen Jahren als Film gesehen und mußte es dann lesen. Auch das ein Buch über ein hartes und nicht besonders schönes Leben in Helsinki. Ob es an Finnland liegt? Auch die Filme von dort sind ja tragisch, düster, dunkel.

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    • War drei Tage in Frankfurt und habe da auch den Verleger lesen gehört aus „Frommes Elend“. Ich kam zwar zur Lesung zu spät, brauchte aber nur drei Worte zu hören, um zu wissen, welches Buch das ist. Es waren die drei Worte: „der Toivala Jussi“ und schon war ich wieder gedanklich im Roman drin. Mir war richtig warm im Herzen! Also, den Toivala Jussi, den werde ich einfach nie vergessen. Ich wünsche dir genauso viel Spass mit diesem einzigartigen Buch, Masuko

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  8. Das Buch ist großartig und ich werde es sicher irgendwann noch einmal lesen. Ich fand den Schreibstil wirklich hinreißend. Nebenbei immer etwas Geschichte des Landes. Eine unvergessliche Neuentdeckung für mich. Ein Roman, der irgendwie viel in sich hat, aber auch schöne Stille, die noch etwas bleibt nach dem Schließen des Buches.

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  9. Pingback: “Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher!” Arno Schmidt | masuko13

  10. Liebe Masuko,
    Patricia Highsmith, Jocelyne Saucier, Dato Turaschwili, Frans Eemil Sillanpää.
    Mein Konto biegt sich bedenklich, aber egal.
    Danke!

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