Hugo Hamilton. Jede einzelne Minute

Hamilton, MinuteHugo Hamilton, Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter, wurde 1953 in Dublin geboren. Seinen im Jahr 2003 erschienen Roman „Gescheckte Menschen“ trage ich ganz tief in meinem Herzen und empfehle diese Geschichte einer deutsch/irischen Kindheit noch heute immer gern zum Lesen. Schon damals begeisterte mich seine Art, Menschen und Situationen zu beschreiben. Nie vergesse ich den kleinen Jungen in Lederhose und Shetlandpullover, hin- und hergerissen zwischen den zwei Identitäten. Hamilton, Geschceckte MenschenOb traurig oder komisch – Hamiltons lakonische Art des Erzähles berührte mich einfach sehr. So war mir völlig klar, dass eine Geschichte über seinen Berlin-Besuch 2008 mit der irischen Autorin Nuala O’Faolain mich 100 %ig faszinieren wird.

Und was ist dann passiert? Ich habe das Buch verschlungen. Wenn O’Faolain ihm nach der Reise für „every single minute“ dankt, so kann auch ich sagen – dieses Buch hat mir mit jeder Minute des stillen Lesens Glück geschenkt.

Im Roman begeben sich Ùna (O’Faolain) und Liam (Hamilton) gemeinsam auf diese Reise, um Zeit miteinander zu verbringen. Ùna ist schwer krank, hat aber großes Fernweh und möchte ein letztes mal in ihrem Leben wegfahren. Warum Berlin? Sie findet es toll, wie man in Deutschland Kartoffeln zubereitet und möchte unbedingt diese Kirche sehen, die man nach dem Krieg als Ruine stehen ließ. Unter anderem auf der Liste: Der Botanische Graten, die Paris Bar, Reste der Berliner Mauer, das Pergamonmuseum.

Ùna hofft, auf dieser Reise etwas in sich selbst zu finden. Was könnte das sein? Ruhe? Gelassenheit? Vergebung mit der Vergangenheit? Liam wirft ihr einmal vor, dass sie zu sehr in Erinnerungen leben und alles Negative ihren Eltern anlasten würde. Dafür knallt sie ihm an den Kopf, in einer Phantasiewelt zu leben. Innerlich streite ich gemeinsam mit den beiden, stelle mich aber intuitiv auf Liams Seite (ich mag Autoren, die mir Phantasiewelten zaubern einfach lieber). Außerdem ist er ein so sensibler, rücksichtsvoller Begleiter. Aufmerksam liest er Ùna jeden Wunsch von den Augen ab. Sie ist oft zynisch, ruppig in ihrer Art zu reden und unberechenbar in ihrem Zorn. Und dennoch so liebenswert ehrlich! Ich hätte nicht gezögert, sie ebenfalls tagelang im Rollstuhl an die verrücktesten Orte Berlins zu schieben. Ihre roten Chucks, diese Converse-Schuhe mit den weißen Sohlen, sie begleiten mich bei meinen realen Trips durch die Stadt. Sehe ich die Schuhe, denke ich an Ùna.

Eine sehr skurrile Szene ist jene, wo sie die braune Langhaarperücke durchs Zimmer des Hotel Adlon schleudert und sich weigert, sie jemals wieder zu tragen. Provokant sitzt sie mit kahlem Schädel in ihrem Rollstuhl und Liam bietet ihr sein Basecap an. Damit sie nicht friert, schließlich ist Mai und das Berliner Wetter unberechenbar.

Neben allen absurden und komischen Momenten gibt es eine sehr berührende Szene – wenn Ùna und Liam Hand in Hand um die Museumsinsel spazieren. Sie, die Nähe nie wollte, die Berührung scheute! Die gern in ihrem Zimmer saß und Wein trank. Die nicht ans Telefon ging, „als gäbe es in ihrem Leben keine Menschen, sondern nur die Protagonisten der Bücher, die sie las. Sie fand es irgendwie nobel, allein zu sein.“ (S. 67)

Höhepunkt der Reise soll die Aufführung von Don Carlos in der Staatsoper werden. Wie gern wäre ich dabei gewesen! Für unglaublich viel Geld organisiert Liam zwei Karten. Darf man einen entspannten Opernabend erwarten? Vielleicht mit einer angepassten und sehr toleranten Besucherin. Nicht mit Ùna –

Hugo Hamilton. Jede einzelne Minute. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Mit einem Nachwort von Elke Heidenreich. Luchterhand Literaturverlag München 2014. 351 S. 18,99 €

 

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7 Antworten zu “Hugo Hamilton. Jede einzelne Minute

  1. Ich danke dir sehr herzlich für diese schöne Besprechung, die mich glücklich macht, das Buch gekauft zu haben. Ich habe vor vielen Jahren mal alles verschlungen, das ich von Nuala O’Faolain in die Finger kriegen konnte, deshalb musste auch dieses Buch sofort gekauft werden. Hugo Hamilton war mir dagegen bisher unbekannt gewesen. Ich bin auf jeden Fall schon sehr auf dieses Lektüreerlebnis gespannt.

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  2. Da mein Buchstapel in der letzten Woche sehr zunahm, hast du mir die Entscheidung abgenommen, welches Buch ich nun noch greife. Allein S.67 spricht mir sehr aus Seele. Wieder ein hinreißender Beitrag. Danke.

    Mich beeindruckte „Der irische Freund“. Allein am Anfang die Beschreibung und Sichtweise von Freundschaft, die Art des Schreibens hatte für mich schon einen starken Lesesog. Ein nicht gerade leichtes Buch, aber dennoch wie ich fand sehr, sehr gut.

    Hamilton hat eine außergewöhnliche fast unfassbare Sprache.

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    • „… sie fand es irgendwie nobel allein zu sein.“ – ist einfach ein schöner Satz. Jeder Bücherleser wird sich da wieder finden, glaube ich. Obwohl, wirklich allein ist man beim Lesen wohl nie. Man taucht ja irgendwie immer in die Gedankenwelt des Autors mit ein. Schöne Grüße

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  3. Ja die Gedankenwelt des Autors und oft kommen dann die eigenen Gedanken dazu. Irgendetwas das bewegt rührt oder auch erfreut.

    Ich habe angefangen zu lesen und bin schon wieder völlig in diesem Sog. Schwer zu beschreiben, aber ich benötige zwischendurch immer Tee und las dabei deine Antwort. Wie wahr. Ich schrieb die Tage eine Rezension, die ich morgen hier reinstelle. Die Reise des Elefantengottes. In diesem Roman gibt es eine ähnliche Person.

    >>Die nicht ans Telefon ging, “als gäbe es in ihrem Leben keine Menschen, sondern nur die Protagonisten der Bücher, die sie las. Sie fand es irgendwie nobel, allein zu sein.” (S. 67)

    Ich bin ehrlich ich las deine Rezension und schnappte nach meinem Kommentar das Buch und las diese Stelle. Es passt so sehr. Mein Handy ist stets lautlos. Anrufe usw. sind irgendwann zu sehen.
    Töne, wie ein Telefon oder eine Klingel stören einfach wundervolle Zeilen oder fließende Gedanken.

    Auch schöne Grüße und starte ebenfalls schön mit guten Zeilen in die neue Woche.

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  4. Irgendwann finde ich raus, ob es möglich ist, etwas in den Kommentaren zu ändern. Ich wollte noch hinzufügen, dass Zeilen-liebende Menschen oft gern allein sind. Die Bücherwelt ist eine ganz eigene Welt, die selten im Lesen zu teilen ist. Menschen für die die Literatur die größte Liebe ist, sind sehr selten.

    Nun aber eine wirklich schöne Woche Masuko.

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  5. Liebe Masuko,
    dieses Buch hatte ich in der Buchhandlung auch schon in der Hand. Jetzt bin ich mir sicher, dass ich es auf jeden Fall lesen werde. Vielen Dank für den Tipp?
    LG
    lesesilly

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