Lutz Seiler. Kruso

Wustrow 2014 005Die Schreie der Möwen und das Rauschen des Meeres im Ohr, genieße ich es, am Strand der Ostsee zu sitzen und „Kruso“ zu lesen. Es ist ein grauer Tag, ab und zu kommt eine neugierige Möwe vorbei. Zwischen Sanddorn und Brombeergebüsch verschwinde ich mit Lutz Seiler nach Hiddensee in jenen Sommer ’89. Aus den grauen Nebeln ersteht vor meinem inneren Auge das große hölzerne Gebilde des Klausners auf der Klippe am stürmischen Meer …

Wustrow 2014 007Ed Bender, Student der Romanistik kommt als Aussteiger auf die Insel, findet schnell Zugang in die verschworene Gemeinschaft von Rimbaud, Carvalo, René, Chris und Kruso (Alexander Krusowitsch). Lebenskünstler sie alle, die mit dem Betreten der Insel den DDR-Alltag abstreifen, als würden sie eine unsichtbare Grenze überschreiten. Rettungsschwimmer, Kellner, Tresenleute, Köche, Abwäscher – Saisonkräfte (SK), im Inseljargon auch die Esskaas genannt. Die Tage vergehen mit schwerster Arbeit in den wenigen Restaurants der Insel. Und abends wird bei Bier und seltsamen Alkoholgemischen gefeiert, gedichtet, philosophiert, rezitiert. Ganz besonders rezitiert. Trakl beispielsweise! Seiler nennt diese Lebensart einen „speziellen Irrsinn, eine Essenz aus Gastronomie und Poesie, mit der die Truppe ihre Arche über Wasser hält“. Wustrow 2014 010Und es fühlt sich verrückt und irre an, wenn nach schweißtreibenden Stunden am stählernen Abwaschbecken abends die Blues-Tänzer wie Derwische übers Parkett fegen.

Die ersten 100 Seiten lesen sich grandios. Seiler zieht mich rein, ich fahre mit Ed auf der Fähre, stromere mit ihm über die Insel, betrete das erste Mal den Klausner. Erfahre von den mythischen Ritualen Krusos, und wie sehr er materielle Dinge verachtet. Freiheit bedeutet ihm alles – gemeint ist die Freiheit des Geistes. Und das katapultiert mich direkt in jene Zeit, erinnert mich an dieses ganz bestimmte Gemeinschaftsgefühl. Alle hatten wir irgendwie die gleichen Ideale. Und ähnlich wie im Klausner am „Persotisch“, blieben auch bei uns in jenem Sommer plötzlich Stühle unbesetzt, wo gestern noch ein guter Freund gesessen hat –

Doch die ewige Beschreibung des Inseldaseins ermüdet mich ein wenig, ich wünsche mir eine Raffung des Textes. Ich möchte nicht wieder und wieder die Details über den „Lurch“ erfahren. Doch aufgeben? Nein. Ich lese weiter. Irgendwann muss doch die im Klappentext versprochene Fluchtgeschichte, die Spurensuche kommen! Im Epilog werde ich endlich belohnt. Schockiert lese ich Seite um Seite dichtester Informationen. Was für ein Potential.

Mir wird klar, dass „Kruso“ nicht nur die Geschichte einer großen und sehr besonderen Männerfreundschaft ist. Oder die Geschichte des letzten Sommers der DDR und ihrer endgültigen Auflösung. Es ist auch ein Buch für all die Toten, die ihre Freiheit im Westen gesucht haben, indem sie versuchten, über die Ostsee zu flüchten. Ed findet 1993 in einer Bibliothek ein Buch mit dem Titel „Über die Ostsee in die Freiheit“. Dieses Buch versammelt Geschichten gelungener und gescheiterter Fluchten. Geschichten über zerbrochene Jollen und zertrümmerte Faltboote ohne Besatzung. Mehr als 5.000 Menschen versuchten über die Ostsee zu flüchten, nur 913 waren darin erfolgreich. Festnahmen und Todesopfer bestimmen die mehr als 4.000 mißglückten Fluchtgeschichten. Viele der in Dänemark angeschwemmten Todesopfer sind namenlos, denn so wie Sonja und Speiche im Roman, brachen die meisten Flüchtlinge auf, ohne Freunde oder Familie zu informieren. Um die Angehörigen zu schützen und Mitwisserschaft auszuschließen, falls der Flüchtige auf der Ostsee von den Grenzbooten der Volksmarine aufgegriffen wird.

Und so bin ich am Ende doch versöhnt mit der Geschichte um Ed Bender und Alexander Krusowitsch. Lutz Seiler hat mit seiner sehr lyrischen Art des Erzählens auf ganz besondere Weise diesen Sommer wieder lebendig gemacht. Noch lange trage ich die Bilder in mir.

In der nächsten kleinen Buchhandlung auf der Ferieninsel halte ich mit der sehr netten Buchhändlerin einen kleinen Smalltalk über Lutz Seilers Roman. Sie empfiehlt mir zur Ergänzung von „Kruso“ ein Buch und schaut sofort nach, ob es am Lager ist. Ich halte den Atem an. Es ist am Lager! Ohne Nachzudenken greife ich zum Portemonnai. Es ist: „Über die Ostsee in die Freiheit“ von Christine und Bodo Müller. Der fiktive Ed Bender hat ein reales Buch gelesen! Ich bin sprachlos. Auch wenn mein Urlaub damit beendet ist – die Ostsee mit ihren unzähligen Geschichten lässt mich für die nächste Zeit nicht so einfach los –

Wustrow 2014 008

 

 

 

 

 

Gerade entdeckt: sehr lesenswert ist die Rezension zum Roman „Kruso“ bei Leseschatz. Ergänzt wir der Text durch einen kleinen Trailer,  der die Stimmung des Romans großartig widerspiegelt.

Lutz Seiler. Kruso. Suhrkamp Verlag Berlin 2014. 480 Seiten. 22,95 €

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22 Antworten zu “Lutz Seiler. Kruso

  1. Was für eine tolle Atmosphäre hier entstanden ist, auch dank deiner schönen Fotos! Das Buch kommt auf meine Wunschliste!

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  2. Ich bin schon ganz neugierig auf „Kruso“. Die ersten Seiten habe ich schon mal angefangen zu lesen und wollte gar nicht aufhören. Aber: erst müssen andere Lektüren fertig werden. Und nun weiß ich ja, auch dank der netten Buchhändlerin, um die Zusammenhänge bei den Fluchtgeschichten. Du hast bestimmt durch die räumliche Nähe und landschaftliche Ähnlichkeit noch einmal ein ganz besonderes Lesevergnügen gehabt.
    Viele Grüße, Claudia

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  3. Das macht auf jeden Fall neugierig auf den Roman, der mir bisher nicht so interessant erschien! Ich danke Dir. 🙂

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  4. Ostsee, immer wieder Ziel meiner Urlaubsreisen. Diese Rezension macht Lust auf das Buch, und in den nächsten Tagen werde ich anfangen, es zu lesen, und wahrscheinlich schreibe ich, wenn ich es gelesen habe, meine Eindrücke dazu. Es gibt tatsächlich einige Bücher über die Zeit der achtziger Jahre und die Wendezeit, die ich voller Begeisterung gelesen habe, vielleicht gehört diese Buch dann auch dazu.

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  5. Liebe Masuko,
    vielen Dank für Deinen tollen Beitrag. Du hast mir einen Kandidaten der Shortlist näher gebracht und mich unheimlich neugierig gemacht. Dies scheint ja ein eindringliches Leseerlebnis zu sein. Drücken wir dem Autor die Daumen.
    LG
    lesesilly

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  6. Moin!
    Vielen Dank für Deinen lesenswerten Blog und ich freue mich sehr, daß Dir meine Rezension auf Leseschatz gefällt. Danke auch für die nette Verlinkung!
    Danke und herzliche Grüße aus Kiel,
    Hauke

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  7. Pingback: Sonntagsleserin – September 2014 | buchpost

  8. Pingback: Der deutsche Buchpreis 2014. Lutz Seiler. Kruso. | gedankenlabyrintherin

  9. Hat dies auf masuko13 rebloggt und kommentierte:

    Meinen Glückwunsch an Lutz Seiler und den Suhrkamp Verlag für den „Deutschen Buchpreis 2014“!

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  10. Danke für diese schöne Buch-Vorstellung :-). Ich habe zwar schon von diesem Roman gehört, aber nicht so recht gewusst, was ich mir darunter vorstellen muss – was mich erwarten könnte. Nun sehe ich etwas klarer und werde „Kruso“ definitiv auf meine Wunschliste aufnehmen !

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  11. Pingback: Blogbummel – September 2014 | buchpost

  12. Es hat etwas länger gedauert, aber ich habe „Kruso“ nun auch gelesen.
    Stilgerecht am Strande der Ostsee, den Dornbusch fast in Sichtweite.

    Hiddensee ist ja ein wunderschönes Ländchen, still, autofrei, voller Sanddorn, den meine
    Mutter beim Herbsturlaub ausgequetscht hat und Saft daraus kochte.
    In „Kruso“ lernt man die Insel von einer völlig anderen Seite kennen.
    Nicht weniger schön, aber eben anders, und aus der Sicht von Nichturlaubern!
    Ich habe das Buch in recht kurzer Zeit gelesen, es hat mich gefesselt. Es sind nicht nur die
    Beschreibungen der Natur, sondern auch die Beschreibungen eines höllischen Tagesablaufes
    in der Gastronomie. Daß die Gastronomie in der DDR ein eigenes Buch ergeben könnte, sei nur nebenbei erwähnt….
    Es sind die unterschwellig immer wieder auftauchenden Bilder im Kopf, wenn man innerlich sieht, wie Menschen versuchen, die vielen Kilometer nach Moen zu schwimmen, sichtbare, aber damals unerreichbare Insel in der Ostsee. Ich habe auch bei diesem Buch wieder die Gedanken gehabt, was tun Menschen sich an, in welche Gefahren begeben sich Menschen, um ein ungeliebtes und unfreies Land zu verlassen. Sie nehmen Todesgefahr in Kauf, sie wissen, daß sie sterben können oder für lange Zeit im Gefängnis landen, wenn sie es nicht schaffen, die kleine Insel Moen zu erreichen.

    Der Epilog des Buches ist beklemmend, weil er völlig die Literatur verläßt und als Sachbuch erscheint, als eine Aufzählung dessen, was sich wirklich dort oben abgespielt hat, und was dort immer noch an ungeklärten Fällen in der Tiefe der Ostsee liegt.
    „Kruso“ ist im Angesicht des Epilogs ein Werk, welches Tatsachen literarisch aufarbeitet, die mancher vielleicht schon vergessen hat oder vergessen wollte.
    Die Empfehlung für das Buch war höchst wertvoll, vielen Dank an die Bloggerin!

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    • Ich finde das wirklich großartig, dass dir „Kruso“ so gut gefiel. Genauso begeistert mich, dass du nach so langer Zeit hier einen Kommentar hinterlässt.
      Auch ich war ja gerade an der Ostsee, auf dem Darss, und ich habe viel Zeit damit verbracht, einfach aufs Meer zu schauen und an all die verzweifelten mutigen Menschen zu denken, die zu DDR-Zeiten eine Flucht gewagt haben. Die sich tagelang im Ahrenshooper Forst versteckt haben!
      Ihnen allen hat Lutz Seiler ein kleines Denkmal mit seinem Roman und ganz besonders (da stimme ich dir zu) mit seinem beklemmenden Epilog gesetzt.
      Ich hatte mir letztes Jahr in der „Bücherstube“ in Wustrow als Ergänzung das Buch „Über die Ostsee in die Freiheit“ gekauft. Ich empfehle es dir sehr, wenn das Thema dich interessiert. Hat mir total die Augen geöffnet, das Buch.
      Schöne Grüße, Jacqueline

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  13. das Buch kam soeben per Post, mein Lieblingsantiquariat im Netz schickte es.

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  14. übrigens, HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUM GEBURTSTAG!

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    • Oh, ganz lieben Dank! Deinen Geburtstag im Juli habe ich (sorry!) leider vergessen … Hast du ihn an der Ostsee gefeiert?
      Ach und eine schöne Lesezeit mit „Über die Ostsee in die Freiheit“ 😉

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  15. Wie so oft in Nonnevitz Geburtstag gefeiert, diesmal bei Dauerregen, auch das nicht unbedingt selten. Es war trotzdem schön. Und im nächsten Jahr natürlich wieder dort, wie immer. Es bleibt ein Stück Heimat.

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