Katja Kettu. Wildauge

image001Es gibt religiöse, politische, ethische und andere Gründe, warum eine Liebesbeziehung für verboten erklärt werden kann. Und es gibt unzählige Gründe, warum Menschen sich gegen jedes Gesetz dennoch lieben. Liegt nicht gerade im Verbot der besondere Reiz? Im Roman „Wildauge“ erzählt die Enkelin Katja Kettu die Geschichte einer solchen unmöglichen Liebe. Es ist die Geschichte ihrer Großmutter.

Wildauge ist eine junge finnische Hebamme, die in ihrer Tätigkeit, Leben zu nehmen und Leben zu geben, ausschließlich ihren Urinstinkten folgt. Sie trägt das Wissen mythischer Heilkräfte und den besonderen Blick einer Schamanin – ein Blick, den die Männer fürchten. Sie ist das Zentrum dieser kraftvollen, wild animalischen und literarisch berauschenden Story. Und sie ist meine Heldin!

Bereits auf den ersten Seiten spüre ich einen außergewöhnlichen Sog, bis mich die Geschichte auf S. 28/29 so heftig packt, dass ich kaum unterbrechen kann. Wie kann etwas gleichzeitig Furcht einflößend und erregend sein? Katja Kettu beschreibt das Unmögliche mit ganz wenigen Worten. Mitten im Geschehen wechselt sie plötzlich die Perspektive, so als würde das Objetiv der Kamera für einen Moment den Blickwinkel ändern. Ihre Sprache ist manchmal karg und prägnant, dann plötzlich bildreich und poetisch:

„Anfangs bemerkte ich nur, dass ein junger Kerl von einem Lastwagen der Teutonen auf den Weg herabgesprungen war. Trotz des Staubs saubere Stiefel. Über der Schulter – eine Filmkamera. Nach den Winkeln zu urteilen irgendein Offizier, aber ich kannte die Ränge damals nicht. Ein Gestapo-Cape und SS-Runen am Kragen. Die Uniformmütze im Nacken und daran der Furcht einflößende, erregende Totenkopf. Du kurbeltest an der Kamera und deutetest auf uns … Ich war überrascht, weil du Finnisch sprachst. Und gleich vom ersten Augenblick an war deine Stimme für mich Bernstein und Kienholzrauch. Irgendwie zu dunkel und zu tief für so einen schmalen Körper.“

Johann Angelhurst, SS-Offizier und Reporter beim Lappland-Kurier, ist nach Finnland versetzt worden, um die Stimmungslage in der Bevölkerung festzuhalten. Beim Fotografieren entdeckt er Wildauge, die ihn an seine finnische Mutter Annika erinnert und die sich ihm anfangs in einer Mischung aus Neugier und wildem Begehren nähert. Sein distanziertes Verhalten und ihre wilde Begierde – schnell entwickelt sich daraus eine animalische Gier beider nach dem Körper des anderen. Ich frage mich, wie es mitten im Krieg, in dieser dunklen und furchtbaren Zeit menschliche Gefühle geben kann. Und finde die Antwort in den schnellen heimlichen Begegnungen, den kurzen Momenten des Glücks. Wenn das Grauen nicht mehr zu ertragen ist, dann finden sich diese zwei Körper, dann vermischt sich Moltebeerenduft mit dem Aufeinander-Klatschen zweier Schenkelpaare. In duftenden Senken und fern vom Lager Titowka – wild romantische Liebe. Wo Heidekraut blüht. Wo arktische Himbeere und Bärentraube reift. Wo Libellen schwirren und Rauschbeeren duften.

Dank dieser außergewöhnlichen Sinneseindrücke ist Weiterlesen überhaupt möglich! Szenen grenzenloser Brutalität wechseln mit Szenen unbegrenzter Schönheit. Bei all dem Gestank, dem Schmutz und der Grausamkeit des Krieges schafft Kettu kleine Inseln der Schönheit. Sie erzählt diese Geschichte  stellvertretend für das Schicksal unzähliger Frauen, Kinder und Kriegsgefangener im Finnland der 40er Jahre. In einer Zeit, da Finnland zerrieben wird zwischen den Machtansprüchen Hitlers und Stalins.

Nicht jeder mag vielleicht die sehr ursprüngliche, archaische Art des Erzählens. Kettu provoziert, schockiert. Doch mich berührt und verzaubert sie auch zutiefst. Der Übersetzerin Angela Plöger ist zu verdanken, dass die Geschichte authentisch bleibt und sich wohl im Deutschen genauso wild und verrückt liest, wie im finnischen Original. Im Anhang beschreibt sie die besonderen Momente der engen Zusammenarbeit mit Katja Kettu. Wie kompliziert und gleichzeitig aufregend muss das gewesen sein. Mein besonderer Respekt gilt nun nicht nur diesem Debüt, sondern auch und ganz besonders der außergewöhnlichen und sehr gelungenen Übersetzung.

Katja Kettu. Wildauge. Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Verlag Galiani Berlin 2014. 416 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag. Euro 19,99

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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14 Antworten zu “Katja Kettu. Wildauge

  1. Liebe masuko,

    vor einigen Tagen habe ich mir genau dieses Buch gekauft, weil du die Autorin in meinem Blog empfohlen hast. Nun bin ich noch gespannter, was mich erwarten wird und wie mir diese scheinbar ganz besondere Literatur gefallen wird. Ich werde berichten!

    Liebe Grüße
    Mara

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  2. Liebe Masuko, ich danke dir nun nach dem Wochenende sehr für diesen Beitrag. Diesen habe ich diesmal als Buchtipp genommen. Es hat mich sehr bereichert. Nun ist deine Rezension noch wundervoller und so passend. Es war mein Wochenendbuch. Großartig. Dennoch legte ich es auch immer mal wieder weg. Am Stück oder in einer Nacht bis zum Morgen lesen ging nicht. Immer einmal die Heftigkeit verarbeiten. Aus der Hand legen. Durchatmen. Aber es ist wirklich hervorragende Literatur. Vielen Dank. Denn ich hätte wohl das Buch noch etwas übersehen.

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    • Liebe Gedankenlabyrintherin,
      es ist mitten in der Nacht, ich werfe einen letzten Blick in meinen Blog. Und sehe deinen Kommentar.
      Deine Gedanken zu „Wildauge“ beeindrucken und freuen mich. Ja, in kleinen Schüben lesen, aber dennoch nicht aufhören können.
      Genau so ist es mir auch gegangen.
      Ich wünsche dir eine schöne Woche und noch viele aufregende Stunden mit Wildauge,
      masuko

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  3. Ich danke dir. Ja nicht aufhören können … Vielleicht klappe ich diese Nacht oder morgen das Buch zu. Aber dieses Buch wird mit dem Ende, dem Lesen der letzten Seite etwas hinterlassen und noch nachwirken. Ich hatte lange kein Buch, welches so sehr brennt. Sehr gut. Liebe Masuko, auch dir eine schöne Woche und falls du Neuentdeckungen machst berichte gern.

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  4. Wow, was sind das wieder für Kommentare. Da kann man ja gar nicht widerstehen. Wenn dies eines Deiner besten Bücher für den Herbst sein soll, muss ich wohl auch zugreifen. Wie kommst Du nur immer wieder auf so außergewöhnliche Bücher? Bin schon auf Deine nächsten Tipps gespannt.
    LG
    lesesilly

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    • Liebe leselilly, wie entdecke ich all die tollen Romane?
      Hm, also wenn ich Verlagsvorschauen durchblättere oder als direkte Empfehlungen von den Verlagen (bin Buchhändlerin). Bei „Wildauge“ hat es sofort KLICK gemacht, ich sah ein Foto der Autorin, las den Klappentext und spürte sofort – das ist mein Buch.

      Viele Grüße von mir!

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  5. Liebe Masuko, danke und dieses Buch war schon auf meiner Leseliste, aber ich dachte es kommt erst später in den Verkauf. Ich hatte drei Tage frei und nutze diese dann für mich am liebsten zum Lesen. Wildauge ist nun mit geschlossen Buchdeckel eines meiner Lieblingsbücher des Jahres. Aber es kommen auch noch viele Neuerscheinungen.

    Katja Kettu hält Anfang September zwei Lesungen in Berlin und ich hoffe die Zeit zu haben eine davon zu besuchen. Ich habe gerade „Die Gierigen“ von Karine Tuil angefangen. Die ersten Seiten versprechen ein gutes Buch.

    Viel Lesefreude und auch die Woche wie ein wundervolles Buch.

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    • …die Woche wie ein wundervolles Buch. Das ist ja ein schöner Wunsch. Danke! Du kannst dir kaum vorstellen, wie sehr es mich freut, dass „Wildauge“ nun auch zu deinen Lieblingsbüchern gehört.
      Ja, zu einer der Lesungen in Berlin werde ich auch unbedingt gehen! Muss Katja Kettu unbedingt live sehen.
      Ich wünsche dir eine schöne Woche mit den „Gierigen“, masuko

      Gefällt 1 Person

  6. Was für ein schönes Cover! Und was für eine schöne Besprechung, liebe Masuko! Das Buch wird auf der Stelle notiert. Hab Dank für die Empfehlung.

    Gefällt 1 Person

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