Elif Shafak. Ehre

Was für eine wundervolle Verbindung:

Shafak_Ehre_HCEin paar Tage Urlaub in der Türkei machen, unzählige Gläschen Tee (mit viel Zucker!!) leeren, der wundervollen türkischen Sprache sowie dem endlosen Rauschen des Meeres lauschen und dabei einen Roman lesen, der mich genau dorthin entführt: in die Türkei.

Ich habe mich für das „echte“ Buch entschieden, denn Herzensbücher als eBook zu lesen, das schaffe ich nur in ganz wenigen Ausnahmen. Es  muss beim Blättern nach Papier duften, ich will dem Rascheln der Seiten nachspüren und natürlich mein geliebtes Lesezeichen aus Stoff benutzen. Mit dem türkischen Halbmond …

türkischer tee 002Auch wenn „Ehre“ nicht ausschließlich in der Türkei spielt, besitzt der Roman doch eine ganz besondere Atmosphäre, die mich absolut in ihren Bann zieht. Auch Shafaks Figuren sind wieder so lebendig! Allen voran Iskender Toprak, seine Mutter Pemba, die Geschwister Esma und Yunus. Die kleine Familie emigriert in den 70er Jahren aus dem kurdischen Teil der Türkei  nach London. Die alten Traditionen und Wertvorstellungen aus dem Leben im kurdischen Dorf bringen sie mit. 

Die Story ist hart und schmerzvoll. Und gleichzeitig voller Wärme und sehr emotional. Ein richtig gut geschriebener Thriller könnte nicht spannender sein! Shafak wechselt mit jedem Kapitel die Erzählperspektive und springt gegen jede Chronologie quer durch die Zeit (wobei alles um das magische Datum des 30.11.78 kreist). Dabei verliert man nicht eine Minute den roten Faden. Einer Perlenkette gleich, reiht sich Ereignis an Ereignis. Iskender Toprak ist sozusagen das Band dieser Geschichte. Mal sind es tagebuchähnliche Skizzen aus seinem Gefängnisalltag. Mal ist es eine Postkarte von Esma, die ihn im Gefängnis erreicht. Mal eine Episode aus seiner Kindheit oder ein Ereignis aus dem Schulalltag. Iskender ist 16 Jahre alt, als er verhaftet und 30 Jahre als er wieder freigelassen wird –

Die Story raubt mir den Atem. Es gibt kein klares Gut oder Böse – Shafak gibt allen Figuren Raum und Zeit, sich zu entwickeln. Sie wertet keine einzige der Situationen. Und genau das ist das Besondere, dass sie mich entscheiden lässt, wie ich die Dinge betrachten möchte. Und hier nur mal ein paar Eckdaten:

Eine Mutter, die ihren erstgeborenen Sohn oft zärtlich „Malamin, mein Sultan“ nennt und ihm bevorzugte Aufmerksamkeit schenkt. Für sie bedeutet es eine Schande, wenn es nicht zur geplanten Beschneidungszeremonie kommt und um diese durchzusetzen, wählt sie einen sehr eigenen Weg –

Ein Junge, der sich nach zwei traumatischen Ereignissen in seiner Kindheit schwört, nie mehr schwach zu sein. Er gibt sein Bestes, auch als der spielsüchtige Vater die Familie verlässt. Eigentlich will er nur Respekt –

Seine Schwester, die ihm nie verzeihen will – er könne in der Hölle schmoren oder im Gefängnis verrotten. Keine Gnade.

Sein kleiner Bruder, der ein Geheimnis nicht länger tragen kann, weil es für seine Seele einfach zu groß ist –

Ein Mann, der die Ehre der Familie seines Bruders und damit seine eigene Ehre retten will. Denn: ein Mann, der seine Ehre verliert ist ein toter Mann. Besonders dann, wenn man so arm ist, dass man außer Ehre nichts besitzt.

Shafak_Ehre_TBHätte die Geschichte anders verlaufen können? Oder ist doch alles kismet (Schicksal) und vorher bestimmt? Ich habe Iskender mehr Geduld und Gelassenheit gewünscht, seiner Mutter Pemba mehr Mut und Rückgrat. Aber wären die Figuren mutig, gelassen und vorausschauend gewesen, hätte es den Roman „Ehre“ nicht gegeben, für den ich Elif Shafak zutiefst dankbar bin. Weil er so voller Klugheit, Weisheit und Liebe steckt. Und weil das Ende dann doch irgendwie versöhnlich ist. Tesekkür ederim. Danke. Elif Shafak.

Und danke an den Verlag, das Paperback so schnell folgen zu lassen (Nachtrag vom 18.08.2015).

Elif Shafak. Ehre.  Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Verlag Kein & Aber. 528 Seiten. 2014: Hardcover 24,90 € / 2015: Paperback 14,- €

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6 Antworten zu “Elif Shafak. Ehre

  1. Liebe Masuko,
    auch ich habe diesen Roman vor einiger Zeit gelesen und war hin und weg. Deine Beschreibung gibt genau meine Leseeindrücke wieder. Dies ist eines der besten Bücher, die ich in letztet Zeit gelesen habe. Daraufhin und auch aufgrund Deiner Rezension habe ich auch „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ gelesen, welches mir ebenfalls sehr gut gefallen hat. Kennst Du schon ihr erstes Buch „Der Bonbonpalast“?
    LG
    lesesilly

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    • Liebe Leselilly,

      oh, dann gehörst du auch zu ihren Fans. Wie schön. Beide Romane sind sehr verschieden und doch jeder für sich ganz großartig. „Bonbonpalast“ kenne ich noch nicht, haber aber vor vielen Jahren „Der Bastard von Istanbul“ gelesen. Unvergesslich!

      Schöne Grüße, masuko

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  2. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #23 – Juni 2014 | Bücherphilosophin

  3. Ich habe letztes Jahr nach „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ all ihre Bücher gelesen. Irgendwie fesselte mich ihre Art des Schreibens. Ich mochte auch „Spiegel der Stadt“. „Ehre“ habe ich auch verschlungen. Mit Begeisterung habe ich gerade Deinen Beiträge gelesen und auch diesen…Ja wie wunderbar. In vielen dachte ich sehr ähnlich. Mehr Rückrat, Geduld uvm. und doch ist der Roman gerade deshalb irgendwie so mitreißend. Mein Lieblingsroman ist aber von allen immer noch „Die vierzig Geheimnisse….“
    Einige lesen. Lesen viel und doch vermögen sie nicht die Kunst des Schreibens. Danke daher an Dich und diese wundervolle geschriebene Rezensionen von Dir.

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    • „Spiegel der Stadt“ – da hab ich noch nix von gehört. Vielen Dank, da muss ich gleich mal recherchieren…. Will ich dann auch gern lesen. „Die vierzig Geheimnisse“ ist aber auch mein bisheriges Lieblingsbuch von ihr. Es wirkt so lange nach, verändert das Denken und den Blick.
      Danke dir auch für dein großartiges Feedback.

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  4. Pingback: “Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher!” Arno Schmidt | masuko13

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