Julie Otsuka. Wovon wir träumten. Aus dem Amerikanischen von Katja Scholtz

Otsuka, JulieWeil Julie Otsuka mich mit ihrem Erzählton einfach total überrascht hat, beginne ich zur Einstimmung einfach mit einer Leseprobe:

„Die meisten von uns auf dem Schiff waren wohlerzogen und überzeugt, dass sie gute Ehefrauen sein würden. Wir konnten kochen und nähen. Wir konnten Tee servieren und Blumen arrangieren und stundenlang still auf unseren flachen, breiten Füßen sitzen, ohne je etwas von uns zu geben, das von Belang war. Ein Mädchen muss sich einem Zimmer anpassen: Es muss anwesend sein, ohne den Anschein zu erwecken, dass es existiert. Wir wussten uns auf Beerdigungen zu benehmen und konnten kurze, melancholische Gedichte über das Verstreichen des Herbstes schreiben, die genau siebzehn Silben lang waren … eine von uns – die Tochter des Reismüllers – konnte mit einem achtzig Pfund schweren Reissack auf dem Rücken zwei Meilen zu Fuß in die Stadt laufen, ohne dass sie auch nur ein einziges Mal ins Schwitzen kam. Es kommt nur auf die richtige Atmung an. Die meisten von uns hatten gute Manieren und waren überaus höflich…“ (S. 12/13)

Wundervoll poetisch ist der Ton, mit welchem Julie Otsuka diese Geschichte erzählt, für welche sie 2012 mit dem Pen/Falkner Award ausgezeichnet wurde. Die 1962 geborene Autorin ist in Amerika aufgewachsen und lebt in New York City.

Inspiriert wurde ihr Roman durch die Lebensgeschichten japanischer Einwanderer, welche Anfang des 20. Jahrhunderts nach Amerika kamen. Otsuka hat unzählige historische Quellen recherchiert und sich beim Schreiben schließlich für ein einziges WIR entschieden. So erklingen die zahlreichen Stimmen der japanischen Mädchen zu einer Art von Chor, aus welchem jedes einzelne der Mädchen kraftvoll und intensiv leuchtet. Otsuka hat für ihre Geschichte einen Rhythmus gefunden, der einem lyrischen Text oder einer kleinen Sinfonie eher gleicht, als einem Roman. Auch wenn dieser Roman natürlich einer Chronologie folgt, kann man ihn wahllos aufschlagen, um sich auf diesen Rhythmus einzulassen, der fasziniert und zutiefst berührt.

„In jener Nacht nahmen unsere neuen Ehemänner uns schnell. Sie nahmen uns ruhig. Sie nahmen uns sanft, aber fest, und ohne ein Wort zu sagen … Sie nahmen uns, während wir unter unseren weißen Seidenkimonos zu ersticken drohten … Sie nahmen uns gierig, hungrig, als ob sie jahrhundertelang auf uns gewartet hätten.“ (S. 29)

Hautnah erlebt man mit den Mädchen die beschwerliche Reise, das ernüchternde Ankommen und das Leben an der Seite ihrer neuen Männer. Eine Rückkehr nach Japan ist absolut ausgeschlossen. Es ist auch ein Stück amerikanischer Geschichte, das Otsuka beschreibt. Ein Stück Geschichte, das mir relativ unbekannt war, das mich überraschte, mich erschreckte und mich nachdenklich machte –

wovon wir träumtenAnfang des 20. Jahrhunderts überqueren Tausende der japanischen Mädchen voller Hoffnung auf ein neues Leben den Ozean. Man nennt sie pictur brides, Foto-Bräute. Werbend schicken japanische Männer Briefe mit Fotos nach Japan, um die Mädchen für eine Hochzeit nach Kalifornien zu locken. Oft sind die Fotos geschönt, veraltet oder gar gefälscht. Die Mädchen bewahren sie in winzigen ovalen Medaillons auf, in Seidentäschchen, in alten Teedosen und roten Lacketuis. Sie bewahren sie in den Ärmeln ihrer Kimonos und zwischen alten, zerlesenen Ausgaben buddhistischer Sutras auf. Auch die Schwester von Otsukas Großmutter war eine picture bride. Und so ist „Wovon wir träumten“ außerdem eine persönliche Geschichte.

Vorrangig ist sie für mich aber eine zeitlose und wie für die Ewigkeit geschriebene Story. Weil Otsuka all jenen Männern, Frauen und Kindern eine Stimme gibt, die – egal aus welchen Gründen – ihre Heimat verlassen müssen, um in eine große Ungewissheit zu gehen. Voller Hoffnung und Zuversicht. Wie diese japanischen Mädchen, die davon träumten, einen Prediger zu heiraten, Geld zu sparen, Wein anzubauen. Die davon träumten, eine eigene Farm zu kaufen, aufs College zu gehen, ein geschecktes Pony zu besitzen. Die davon träumten, ein eigenes Zimmer mit einem Türschloss zu haben oder ein Swing-King-Schlagzeug mit einem Hi-Hat-Becken…….

Julie Otsuka. Wovon wir träumten. mareverlag Hamburg 2012. 159 S., 18,- €/ auch als Taschenbuch beim Goldmann Verlag 2014. 160 S., 8,99 €

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5 Antworten zu “Julie Otsuka. Wovon wir träumten. Aus dem Amerikanischen von Katja Scholtz

  1. Hach schon wieder ein Buch mehr, das auf meinem SUB landet. Schöne Rezension. LG Xeniana

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  2. Und wieder ein Buch, welches von einer Autorin aus Japan stammt, Japan, ein Land, welches mich seit langem ungemein fasziniert. Ich habe mir dieses Buch auf meine Ostseeurlaubsliste gepackt.

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  3. Ganz weit im Norden von Rügen, weißer Strand und drei Wochen Zeit zum Lesen. Es sind diese drei Wochen, jedes Jahr am gleichen Ort, die mir immer wieder genug Regeneration ermöglichen, und wenn dann noch schöne Bücher dabei sind, dann komme ich so richtig schön zur Ruhe.

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    • „Weit im Norden“ – das klingt fast wie ein alter Lindenberg-Song. Ich habe gleich ein Bild im Kopf. Dünen, Möwengeschrei. Dazu ein Stapel Bücher und ganz oben der Roman von Otsuka. Klingt gut! Genieß es!

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