Arthur Larrue. Wojna. Aus dem Französischen von Max Stadler

larrue-wojna„Wojna bedeutet Krieg auf Russisch. Doch der fragliche Krieg findet nicht nur in Rußland statt. Er wird überall geführt, und man muss ihn wahrnehmen. Ich habe 91 Tage inmitten dieses Krieges gelebt unter Bedingungen, die den nachfolgend beschriebenen nicht unähnlich sind“ –

schreibt Arthur Larrue (geb. 1984 in Paris) in seinem Vorwort.

Die Zeit, die Larrue mit der anarchistischen Künstlergruppe Wojna im Untergrund verbringt, inspiriert ihn zu diesem absurd witzigen und sehr wütenden Roman. Er verliert allerdings nach der Veröffentlichung nicht nur seine Stelle an der Universität (hier hatte Larrue vier Jahre lang gelehrt), sondern sein Visum gleich dazu.

Das Motto von Wojna: die Welt umstürzen oder auskotzen. Statt Furcht und Respekt in Sankt Petersburg, will Wojna, dass man über den Staat lacht – und sei die Ursache noch so vulgär. Die wohl spektakulärste Aktion – ein auf die Zugbrücke vor dem Hauptsitz des FSB-Geheimdienstes gemalter 65 Meter hoher Phallus – wird zum Thema des Romans (hier ein ZDF-Kommentar zu dieser und zu weiteren Aktionen von Wojna, gesehen auf youtube ).

Aus anfänglicher Performance-Kunst wird politischer Widerstand gegen die bestehende Regierung. Die Mitglieder von Wojna werden gesucht. Logische Konsequenz: sie gehen in den Untergrund. Und das heißt für Wojna tatsächlich versteckt und abgeschnitten von jeder Kommunikationsform zu leben. Kein Internet. Keine Handys. Larrue findet Kontakt zu ihnen, so wie der anonyme Ich-Erzähler im Roman. Dieser fährt mit dem Taxi durch Sankt Petersburg, um für ein paar Tage in der Wohnung seiner Freundin Tamriko Bamriko zu wohnen. Als er die Wohnung betritt, muss er feststellen, dass er nicht allein ist. Er vernimmt Stimmen aus der Küche:

„Und hier erscheinen sie auf der Bildfläche. Sie aßen zu viert an einem Tisch und erinnerten an große fleischfressende Raubtiere, die sich um ein Stück Aas versammelt hatten … Sie hatten sich Kampfnamen zugelegt, die ihre wichtigsten Charakterzüge unterstrichen. Oleg der Dieb saß der Tür gegenüber … Da war Kosa, eine hübsche Frau mit abgeknabberten Nägeln und bleiernem Teint … Da war Leonid der Irre, der nichts aß und der sich, hinter einem unglaublichen Bart versteckt, merkwürdig still verhielt … Und schließlich war da noch ihr Sohn Kasper, kaum ein Jahr alt.“ (S. 22)

Wojna hat sicher hohen Kultstatus, doch ist nach wie vor umstritten, ob ihre Aktionen als „Kunst“ anzusehen sind. Und nicht jeder findet ihre anarchistischen Aktionen grundlos gut. Zwei entscheidende Gegenspieler hat Wojna in diesem Roman: Anna Zobonka und Sergeant Komarow. Obwohl auf die Gruppe angesetzt, symphatisiert Komarow im tiefsten Herzen mit Wojna. Letztendlich jedoch bleibt er ein Diener des Staates. Genau wie die alte Nachbarin Anna Zobonka, die den ganzen Tag an ihrem Bakelit-Telefon sitzt und alles beobachtet, was im Haus geschieht. Um ihre winzige Rente auszugleichen, dealt sie mit Marihuana, das sie gegen die Schmerzen in ihren alternden Knochen auch ganz gern selbst mal raucht. Verbittert vom Leben, erfüllt von dumpfem Groll und rasender Wut, gehört sie zu jenen, die nach einem Ventil für ihren verletzten Stolz suchen.

„Dabei hatte Anna Zobonka schon Gefallen gefunden am sowjetischen Stolz … Man wollte alles neu machen, die Flüsse, Meere, Länder, Städte umbenennen, die Liebe neu erfinden, die Religion abschaffen. Das war zusammengekracht. Man hatte sich übernommen. Aber nie gab es in der Geschichte der Menschheit ein gewagteres Projekt. Ja, diese UdSSR hatte schon Kaliber. Und trotzdem. Am Ende fiel der Vorhang ebenso rasch und leicht wie bei einer Theatervorstellung … Das russische Volk hatte sich ergeben, und der Stolz der Menschen war tief verletzt, ihr Selbstwertgefühl dahin.“ (S.75)

Larrues Figuren erinnern an Romane großer russischer Dichter. Sie sind schrullig und kauzig und unvergesslich. Besonders in Komarow und in Anna spiegelt sich auf wunderbare Weise die russische Seele. Es ist so ein bestimmter Humor, ein tragischer Witz. Man ist beiden ganz nah, spürt ihre Ängste, ihre Verzweiflung, ihre Wut. Irgendwann wird die Story so spannend wie ein Thriller, um dann radikal abrupt und ungewöhnlich zu enden.

Arthur Larrue. Wojna. Verlag Klaus Wagenbach 2014. 103 Seiten

 

 

 

 

Advertisements

Eine Antwort zu “Arthur Larrue. Wojna. Aus dem Französischen von Max Stadler

  1. Pingback: Michela Murgia. Accabadora – mein Lieblingsbuch aus dem Verlag für wilde Leser | masuko13

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s