Anthony McCarten. Funny girl. Aus dem Englischen von Manfred Allié

Funny girlLondon heute: Das Mädchen Azime hat bereits mehr als zehn Verabredungen um den perfekten Ehemann zu finden, scheitern lassen. Erfolgreich scheitern lassen!

Obwohl liberal muslimisch, sind ihre Eltern sehr traditionell und so kommt es, dass ihre Mutter gemeinsam mit einem kurdischen Eheberater regelmäßig diese Treffen arrangiert. Azime gilt als schwer vermittelbar. Sie ist bereits 20 Jahre alt und noch dazu klug. Sie liest Bücher! Welcher Mann will eine solche Ehefrau?! Weil alle Treffen scheitern, glaubt die Mutter bereits, Azime hätte den bösen Blick – doch ihre Tochter ist einfach eine super gute Komikerin! Mit diversen gespielten Ticks (Schielen, unkontrolliertes Zucken der linken Schulter, heftige Reaktionen wegen einer angeblichen Nussallergie …) schockt Azime die älteren kurdischen Herren (meist in Joppe, mit Schnauzbart und jenseits der 40 Jahre). Manche verlassen daraufhin höflich, andere aber fluchtartig die Teestube. Schon hier wird klar, was für eine außergewöhnliche Heldin Azime ist.

Azime will nämlich überhaupt nicht heiraten! Im Gegenteil, sie will selbstbestimmt leben, sie will sich verlieben und sie hat einen Traum: Sie will die erste weibliche muslimische Stand-up-Comedian der Welt werden. Um dafür zu trainieren, besucht sie in London eine Comedian-School. Komisch sein ist nämlich gar nicht so einfach. Im Gegenteil: „wenn eine komische Nummer nicht funktionierte, dann war das grässlich, trauriger als jede Tragödie“ (S. 48). Für ihre Gags beobachtet sie genau ihre Familie und ihre Umgebung. Und schockt mit ihrem Auftritt, für den sie sich eine schwarze Burka kauft (eigentlich wollte sie nur mal testen, wie sich das so anfühlt…). Das Publikum hält den Atem an. Azime erhält Morddrohungen auf Facebook und youtube.

Schon im „Englischen Harem“ hatte McCarten eine mutiges junges Mädchen als Hauptfigur gewählt, welches im Ringen um Selbstbestimmung das Risiko eingeht, das Vertrauen und die Liebe seiner Familie zu verlieren. Die Konflikte, welche McCarten in seinen Romanen beschreibt, sind typisch für jede Familie. Das Besondere bei ihm ist aber, dass er die Möglichkeit der Versöhnung zulässt. Ganz besonders die Versöhnung unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Traditionen. Das ist aufwühlend und motivierend gleichzeitig. Denn bei McCarten gibt es keine Trennung von Gut und Böse. Menschen haben die verschiedensten Anschauungen und Lebensweisen – das ist einfach so. Mit diesem Wissen habe ich nun „funny girl“ gelesen und wurde wieder einmal belohnt!

Großartige Story! Man erhält tatsächlich Einblicke in den Alltag einer Comedian-School (obwohl mich manche Monologe der Comedians und die Diskussionen darüber ermüdet haben). Und man wird daran erinnert, wie wichtig in unserem Leben das Lachen ist. Dass es viele Dinge erleichtert und dass es glücklich macht.

Für Azime als Mädchen ist es nicht einfach, den gewählten Weg zu gehen. Doch sie kämpft für ihre Ideale. Als die Situation sich zuspitzt und Azime vor der Wahl steht, sich zu fügen oder weiterhin zu rebellieren, da wählt sie Widerstand. Gegen alles und gegen jeden. Am Ende erleben wir sie stärker, selbstsicherer. Aber auch versöhnter. Mit sich und ihrer Familie.

Anthony McCarten. funny girl. Diogens Verlag 2014.

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2 Antworten zu “Anthony McCarten. Funny girl. Aus dem Englischen von Manfred Allié

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