Justin Torres. Wir Tiere. Aus dem Englischen von Peter Torberg

Torres, Wir TiereWas für eine Story, dieses Debüt von Justin Torres! Schon jetzt freue ich mich auf seinen nächsten Roman. Auch die Eckdaten seiner Biographie beeindrucken: kaum 30 Jahre alt, ist er heute Wallace-Stegner-Stipendiat. Vom Landarbeiter und Hundeausführer zum Buchhändler und Lehrer für Kreatives Schreiben.  Liest man seine Geschichte, so wird schnell klar, dass viel Autobiographisches in diesem Roman steckt. Aufgewachsen in ganz einfachen Verhältnissen, gelingt dem Ich-Erzähler irgendwann der Sprung aus dem vorprogrammierten Leben. Einer Spirale aus Armut, Gewalt und Aussichtslosigkeit. Er fängt an, sich für Sprache zu interessieren. Er fängt an, Bücher zu lesen und Tagebuch zu schreiben.

Den letzten Satz noch präsent, muß ich mir sofort den Soundtrack des Filmes  „Amores Perros“ einlegen. Rhythmen, die ebenso wild und wütend (zärtlich aber auch) sind und die Worte von Torres herrlich ergänzen.

Mit unglaublicher Wucht und Intensität beschreibt er sein Leben mit den zwei Brüdern Joel und Manny. Die Herzen der drei Jungen jagen immerzu irgendeiner Sache hinterher. Sie finden einen Sack Army-Klamotten, also wird Krieg gespielt. Aus Müllsäcken mit Bindfaden werden Drachen gebastelt. Sie sind immerzu hungrig, ständig in Bewegung. Schläfrig und verwirrt sind sie nur am Morgen. Wenn sie das Fenster aufstoßen, um in den Himmel zu schauen, wirken sie – schmal und sommergebräunt – wie ein Tier mit drei Oberkörpern. Minuten später sind sie nicht mehr zu bremsen.

„Wir wollten mehr. Wir pochten mit den Stielen unserer Gabeln auf den Tisch, schlugen mit den Löffeln gegen die leeren Schüsseln; wir waren hungrig. Wir wollten mehr Krach, mehr Spaß. Wir drehten die Laustärke am Fernseher hoch, bis uns die Ohren vom Gebrüll wütender Männer wehtaten. Wir wollten Beats; wir wollten Rock. Wir wollten Muskeln an unseren dürren Armen. Wir hatten Vogelknochen, hohl und leicht, und wir wollten mehr Dichte, mehr Gewicht. Wir waren sechs schnappende Hände, sechs trampelnde Füße; wir waren Brüder, Jungs, drei kleine Könige im Kampf um mehr.“ (S. 9)

Während Joel und Manny zu gewaltbereiten jungen Männern heranwachsen, entwickelt der Ich-Erzähler eine hohe Sensibiltät, verbunden mit steigendem Desinteresse an deren Aktionen. Er findet seine Brüder peinlich:

„Schaut euch meine Brüder an – ihre schlabberigen Klamotten, ihre dunkel umrandeten Augen, wie permanent blau geschlagen. Ich kam mir vor wie in der Falle, war voller Hass, war beschämt. Heimlich hatte ich außerhalb der Familie einen Hang zur Sprache entwickelt, eine bittere Bosheit. Ich führte ein Tagebuch – darin fand ich scharfe Schimpfwörter für sie alle, meine Leute, meine Brüder … Ich spürte die ausgeprägte Kraft der Beobachtung in mir …“ (S. 143)

Mich hat dieser Roman begeistert. Torres zeigt uns das Amerika der Leute, die täglich um ihre Existenz kämpfen. Die Story packt einen, lässt einen nicht los. Und genau das erwarte ich von einem guten Roman: mich bitte nicht zu langweiligen, sondern zu fesseln. Kraftvolle und gleichzeitig schöne Sprache lassen Bilder im Kopf explodieren. Das Buchcover könnte treffender nicht sein! Auf lediglich 164 Seiten erzählt Torres eine einfache Geschichte: die Geschichte vom Erwachsenwerden unter schwierigen Umständen. Und Torres schenkt uns Hoffnung. Hoffnung und den Glauben, dass es möglich ist, einen ganz eigenen Weg zu gehen. Mit der Kraft der Worte.

Justin Torres. Wir Tiere. Aus dem Englischen von Peter Torberg. DVA 2013. 16,99 €

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2 Antworten zu “Justin Torres. Wir Tiere. Aus dem Englischen von Peter Torberg

  1. Danke für diese großartige Besprechung, liebe Masuko, dank der ich noch einmal in diese wunderbar wilde Lektüre eintauchen konnte. Mich konnte der Roman auch begeistern und ich bin schn gespannt darauf, was wir in den kommenden Jahren von Justin Torres noch erwarten dürfen.

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    • Liebe Mara, Du hast mich überhaupt erst inspiriert, diesen Roman zu lesen. Deine Besprechung vor ein paar Wochen hat mich einfach so neugierig gemacht!! Wer weiss, vielleicht wäre das Buch sonst im Bücherstapel versunken… Aber nun habe ich Torres entdeckt und alle Erwartungen wurden erfüllt. Grüsse von Masuko

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