Alice Munro. Liebes Leben. Aus dem Englischen von Heidi Zerning Teil 2

Liebes Leben, MunroWenn Alice Munro in der letzten ihrer 14 Erzählungen sagt, „…dies ist keine Geschichte, nur das Leben“, dann fühlt man sich wieder daran erinnert, dass man im autobiographischen Teil des Buches angekommen ist. In diesen vier Erzählungen wird sie zwar sehr persönlich, sie spricht von ihrer Schwester, von Vater und Mutter und immer wieder natürlich von sich selbst als Mädchen.  Doch was sich nicht ändert, dass sind die Ahornbäume, die Zedern und die rauhe kanadische Landschaft, das sind die kauzigen Figuren, die ihre Geschichten bevölkern. Darum verwischen sich die Grenzen. Es könnte auch reine Fiktion sein. Aber dann genügt wieder ein einziger Satz, der uns sagt: Willkommen in der Realität. Ihre Mutter erkrankt unheilbar mit 40 Jahren. Das Pelzgeschäft des Vaters geht pleite:

„Man sollte meinen, dass das einfach zu viel war. Das Geschäft ruiniert, die Gesundheit meiner Mutter im Schwinden begriffen. In Romanen oder Erzählungen ginge das nicht. Aber das Seltsame ist, dass diese Zeit in meiner Erinnerung keine unglückliche ist. Im Haus herrschte keine besonders verzweifelte Stimmung.“ (S.357)

Die kleine Alice kocht das Abendessen für die Familie. Gerichte, die sie exotisch findet (Spaghetti und Omelette!). Sie liest begeistert Marcel Proust und Thomas Mann, sie lernt für die Schule. Später, als Frau und Mutter erkennt sie, dass sie möglicherweise mehr hätte tun können für ihre Eltern und sie entlässt uns als Leser mit zwei nachdenklich stimmenden Sätzen, die voller Weisheit über das Leben sind. Die auch eine Mahnung enthalten und mich deshalb nicht loslassen:

„Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder dass wir sie uns nie verzeihen werden. Aber wir tun es – wir tun es immerfort.“ (S. 367)

Lange war ich nicht so glücklich mit der Wahl des Nobelpreises, wie in diesem Jahr. Ich freue mich auf viele weitere Erzählungen und schließe für heute „Liebes Leben“, in welchem Alice Munro uns beschenkt mit einigen wenigen (und möglicherweise einzigen!) Einblicken in ihr Leben, vereint mit 10 fiktiven Stories aus ihrem geliebten Kanada.

 

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